Warum Krieg? von Manfred Lotze

STANDPUNKT/011: Warum Krieg? – Chancen für eine Weltfriedensordnung (Manfred Lotze)

Veröffentlichungen bei

 http://schattenblick.de/infopool/weltan/meinung/wmsp0011.html

und im IPPNW-FORUM  März 2016

 

Warum Krieg?

Chancen für eine Weltfriedensordnung

Wir lesen täglich wie, wo und warum Kriege geführt werden. Unsere Emotionen gehen aber tiefer als Informationen. Sie schwanken zwischen Resignation und Hoffnung auf eine Zukunft ohne Kriege. Auch im Geiste der IPPNW-Oktober-Konferenz „Unser Rezept für Frieden: Prävention“ versuche ich zu belegen, dass die Hoffnung auf eine globale Friedenskultur realistisch ist. Die These, dass Kriege zur menschlichen Natur gehören, ist so verbreitet wie widerlegbar.

 

Warum also Krieg?

Vielfältige Erklärungen bietet die menschliche Geschichte:

weil

– in Staaten organisierte Menschen mit anderen um die Macht konkurrieren (s. Anmerkung1),

– der militärisch-industrielle Komplex gewaltfreie diplomatische Konfliktbearbeitungen nach demokratischen Regeln, die in der UNO-Charta und den meisten staatlichen Verfassungen festgelegt sind, verdrängt hat,

– „gerechte“ Kriege zum Sieg über „das Böse“ führen („Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ Schiller), (da würde ich schon den “Sieg über das Böse” in Anführungszeichen setzen, denn die offizielle Geschichte von Kriegen ist die Geschichte von Siegern)

– zur Natur des Menschen Entwicklung und Überleben durch Kampf gehören („Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen ….lässt er Sklaven werden, die anderen Freie.“  Heraklit),

– Antiterror-,  Low Intensity Conflicts, asymmetrische Kriege, Interventions-, Stellvertreter-Kriege auch als Bürgerkriege instrumentalisiert werden,

– und weil meist unter religiöser Flagge laufende Kombinationen der genannten Motive die Verwirrung vergrößern.

 

Zur Definition von Kriegen: Volksaufstände gegen eine Diktatur (Cuba 1959 z. B.) und alle Dekolonisierungskämpfe als Akte der Selbstbefreiung sowie Militärputsche gegen gewählte Regierungen (Griechenland 1967, Chile 1973  u. a.) sind gewaltsame Konfliktbearbeitungen, aber keine Kriege im engeren Sinn, sondern als „Anwendung bewaffneter Gewalt“ (Art. III der Genfer Fünf-Mächte-Vereinbarung 1932) zu definieren.

Dies mögen inhaltlich und formal ungenügende Erklärungen sein, aber eine Konsequenz ist schon zu ziehen: Krieg ist auch für Pazifisten nachvollziehbar, solange es ausgebeutete, kolonialisierte Völker gibt und solange die moralischen Kategorien von Gut und Böse zu politischen Entscheidungen über Militärhaushalte führen. So kam Ekkehart Krippendorff „notwendig auf den eigentlichen Gegenstand der Kriegsfrage, nämlich die militärisch, d. h. aus Gewalt entstandene und mit monopolisierter Gewalt gesicherte Herrschaft, DEN STAAT“. (E. Krippendorff: Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft, Suhrkamp 1985)

Mohssen Massarat mahnt eine weltweite Kampagne zur Ächtung der Waffenproduktion an, denn „der militärisch-industrielle Komplex ist die größte Bedrohung für den Weltfrieden unserer Zeit.“ (M. Massarrat bei NachDenkSeiten 21.10.15)

In der Verantwortung stehen aber nicht nur die gerüsteten Regierungen. Sie brauchen kriegsbereite Bürger. Damit sind wir beim nächsten Themenzusammenhang: der Konflikt zwischen einer Kultur des Friedens und der herrschenden Kultur des Krieges. Der oberste Repräsentant unseres Staates hat den Wechsel von einer Kultur der Zurückhaltung zu einer ‚Kultur der Kriegsfähigkeit‘ (Josef Joffe), und damit den Wechsel von einer Kultur der Werte zu einer Kultur der Interessen propagiert, so Gauck auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2014. Eine Konferenz über “strategische Kommunikation” mit “Empfehlungen” für die “Erziehung der Öffentlichkeit” im Sinne der NATO wird angekündigt auch mit dem Ziel, dass die NATO die für sie entscheidende “Unterstützung” durch die Bevölkerungen ihrer Mitgliedsstaaten nicht einbüße. PR-Strategien gegen “starke pazifistische Haltungen” besonders in Deutschland werden intensiviert (Quelle: www.german-foreign-policy.com Informationskrieg 28.10.2015)

Was macht die Menschen so empfänglich für Kriegspropaganda? Die natürliche Fähigkeit des Menschen zur Aggression und Destruktivität ist von der Bibel bis zu den Schriften von Erich Fromm belegt. Menschliche Aggressionen werden unterschiedlich interpretiert und auch massenpsychologisch instrumentalisiert. Um gegenseitige Vernichtung als gute oder unumgängliche Taten zu propagieren, bedarf es fundamentaler Feindbilder. Domenico Losurdo erklärt die Dichotomie Freund/Feind mit dem Prozess der Despezifikation, die mit der Dichotomie Zivilisation/Barbarei zusammenfalle (in „Kampf um die Geschichte“ PapyRossa 2007).

Auf der Friedenskonferenz im Februar 2015 in München parallel zur sog. Sicherheitskonferenz sprach Prof. Dr. Joachim Bauer über „Gewalt ist kein Naturgesetz – menschliche Aggression und Friedenskompetenz aus der Sicht der Hirnforschung“.  Gibt es den Aggressionstrieb, den Sigmund Freud postuliert? Freud hatte Albert Einstein in einem Brief mitgeteilt: „Wir glauben an die Existenz eines Triebes zum Hassen und Vernichten“. Krieg erscheint hier also als eine biologische Bedingung. „Der Krieg ist nicht wider die menschliche Natur, sondern er entspringt ihr“ schrieb Eckhard Fuhr. in Die Welt am 7. Juni 2014 Das hatten schon Konrad Lorenz und sogar Erich Fromm gelehrt. Neurobiologische Forschungen dagegen kommen zu anderen Ergebnissen. Bauer klärte darüber auf, dass unsere Handlungen und Motive durch ein neuronales Belohnungssystem über Ausschüttung von „Wohlfühlbotenstoffen“ gesteuert werden, das zu guten Gefühlen führt. Aktiviert werde dieses Motivationssystem durch soziale Erfahrungen mit Akzeptanz durch Zuwendungen. Nur das erzeuge gute Gefühle. Wir seien süchtig nach Zuwendung, nach sozialer Verbundenheit und gegenseitiger Hilfe. Weitere Systemaktivierungen gebe es durch Bewegung (man beobachte nur die Bewegungsfreude der Kinder!) und durch Musik, hier besonders durch Singen. Für 95 – 97 Prozent der Menschen sei Aggressivität nicht lohnend. Männliche Gewalttätigkeit sei eine psychische Krankheit.

Übrigens sei auch für Charles Darwin Aggression kein Trieb.
Doch es gebe eine Kehrseite dieser positiven Hirnfunktion: Böses zu tun, um zugehörig zu sein. Die suchtartige Abhängigkeit von oberflächlicher Anerkennung im Internet sei noch ein relativ harmloses, so gesteuertes Verhalten. Outgroups contra Ingroups-Erlebnisse erzeugten ein Gemeinschaftsgefühl zum Beispiel durch Hass auf Ausländer, Juden, Linke oder Schwule. So bestätige auch die Hirnforschung wie wichtig gerade für Jugendliche die Erfahrungen von Zugehörigkeit seien. Ein zuverlässiger Stimulus für Aggression sei Schmerz. Seine Zufügung mache wütend. Bei Demütigung und sozialer Ausgrenzung reagiere im Gehirn die identische Schmerzmatrix. Das erkläre sich aus unserer Stammesgeschichte, da einst soziale Ausgrenzung zum Tod führte. Empathiesysteme reagierten auch beim Zusehen, wenn anderen Schmerzen zugefügt werden. Auf weltweit verbreitete Folterungen wie in Abu Graib oder in Guantanamo ging Bauer nur kurz ein. Verwiesen sei auf seine Bücher „Schmerzgrenze“ und „Prinzip Menschlichkeit“. Auch wer in Armut unter Reichen lebe, sei ausgegrenzt. Angesichts der globalen Ungerechtigkeit zeige sich eine gewisse Toleranz. Doch wenn eine Grenze überschritten werde, wachse auch gesellschaftliche Gewalt. Mit dem Gini-Index der Ungleichverteilungen würden sich diese Zusammenhänge darstellen lassen.  DIE stammesgeschichtlich kommunikative Funktion von Aggression wird in einer Kultur des Krieges, der Konkurrenz und der Fremdsteuerung verfehlt.

Wie erzeugt man also Kriegsbereitschaft? Durch Dehumanisierung des Widersachers.

Weitere Gewaltquellen seien soziale Polarisierungen durch Moral und durch Patriarchat. Den Religionen, die Andersgläubige unmoralisch aussehen lassen, stünden allgemein anerkannte ethische Normen entgegen.

Gegenpole bilden laut Bauer Bindung und Bildung, eine Erziehung zur Einhaltung sozialer Regeln sowie Gerechtigkeit.

So hilfreich diese neurophysiologischen Erkenntnisse für unsere Friedenspolitik sind, so hart sind wir in der Realität mit weiteren Hindernissen konfrontiert. Welches neue Denken müsste sich verbreiten, um die Jahrhundertaufgabe einer Kultur des Friedens mit Abschaffung aller Kriege durchzusetzen? Bausteine fand ich beim Philosophen Michael Schmidt-Salomon. Seine Analyse in „Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“ (Piper, 4. Auflage 2014) provoziert gerade uns, die wir von Politikern und Militärs moralische Normen einfordern – in der Regel vergeblich. Wir entlarven Kriegslügen, vorgeblich humanitäre Ziele angesichts millionenfachen Mordens. Sind die Verantwortlichen für Drohneneinsätze, Folter und Atomkriegsdrohungen etwa nicht unmoralisch zu nennen?

Der Autor begründet sein Nein mit historischen, religiösen, anthropologischen und philosophischen Argumenten. Er will „die Menschen von der Tyrannei philosophischer Obskuranten“ und abstrakter Begriffe wie „Wahrheit“, „Moral“, „Realität“ oder „Objektivität“ befreien. Diese Begriffe engen den Horizont der Menschen und die Möglichkeiten des Daseins ein. (Nach Paul Feyerabend „Zeitverschwendung“ Suhrkamp 1995)

Der Inhalt beginnt mit der „Geschichte von Eva und dem Apfel, der keiner war – Das Sündenfall-Syndrom“ und behandelt weiter „Abschied von Gut und Böse“, Abschied von der Willensfreiheit“, „Falsche Konsequenzen“ bis zu „Die menschliche Solidargemeinschaft“. Nur ein Textbeispiel zur überaus wertgeschätzten Rolle von Schuldgefühlen in unserer Kultur: „Die Differenz zwischen Schuld und Reue korrespondiert mit der Unterscheidung zwischen Moral und Ethik. ….Reuegefühle sind ein wichtiger Anstoßgeber für die persönliche Weiterentwicklung, Schuldgefühle hingegen stehen ihr im Wege…..Da Schuldgefühle Kriegserklärungen an das eigene Selbst sind, zerstören sie jenen inneren Frieden, der notwendig für eine gesunde psychische Entwicklung ist.“ Terroristen wie staatliche Kriegstreiber haben sicher keine freie Entscheidung zum „Bösen“ getroffen, sondern sind gefangen in ihren Wurzeln aus Natur und Kultur, das „Gute“ in ihrem Sinn zu tun. „Man darf keineswegs den gleichen Fehler machen, den die Terroristen begehen, nämlich sich in moralischer Selbstgefälligkeit über die ganze Welt zu erheben , den Gegner im Sinne eines archaischen Ingroup-Outgroup-Denkens zu dämonisieren und dadurch jegliche Empathie ihm gegenüber zu verlieren.“ Die Konsequenz wäre Rache oder sog. „humanitäre Intervention“. Empathievermögen wird auch durch die Unterstellung von Willensfreiheit untergraben. Je stärker die Idee der Willensfreiheit in westlichen Gesellschaften etabliert sei, desto eher würde soziale Ungleichheit toleriert und desto drakonischer fallen auch die Strafmaßnahmen des jeweiligen Rechtssystems aus.

Ganz im Sinne von Schmidt-Salomon erscheint mir das Zitat des Dalai Lama: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen. Menschliche Entwicklung beruht auf Kooperation, nicht auf Wettbewerb.“

Resümee: „Der Vorteil einer philosophischen Weltanschauung gegenüber einer Religion besteht darin, dass sie es uns ermöglicht, falsche Ideen sterben zu lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen“ (Schmidt-Salomon). Die anthropologische Verbindung zwischen den neurophysiologischen Erkenntnissen über menschliche Aggressionen und dem ethisch begründeten „Abschied von Gut und Böse“ zeigt die Chancen auf, die im Verzicht auf Feindbilder und in der Förderung aller kooperativen Kräfte liegen. Darin kann die Wurzel für einen zivilisatorischen Epochenwechsel zu liegen. Die Meinungsführerschaft für eine globale Friedenspolitik ist keinesfalls zu gewinnen nur mit Abarbeitung an Symptomen.

Die Denkanstöße von Schmidt-Salomon für eine Friedensbewegung mit langem Atem und „brennender Geduld lassen sich zusammenführen mit den zitierten medizinischen, sozialpolitischen und historischen Erkenntnissen, nicht zuletzt auch mit völkerrechtlichen, wie den zahlreichen Beiträgen von Norman Paech, zuletzt über „70 Jahre UNO-Charta – Ohne Macht und ohne Alternative“, in dem er die Diskrepanz zwischen einem vorherrschenden Völkerrechtsnihilismus und der Suche nach der Weltfriedensordnung aufzeigt (in junge Welt 26.6.2015). Die IPPNW versucht unermüdlich auch mit Kongressen zur Kultur des Friedens und im Oktober 2015 mit der Konferenz “Unser Rezept für Frieden: Prävention” der militärischen Staatsräson eine breite Bewusstseinsänderung mit demokratischen Meinungsbildern entgegen zu stellen. Sie ist dabei offen für Anregungen aus allen kulturellen Richtungen. Auf diesen breiten Ansatz wies auch Arno Gruen hin: „Es sind die Kulturen, nicht zuletzt die westlichen, die Selbstverrat und Hass hervorbringen.“

Manfred Lotze                                                                                                                                                                                                                                            November 2015

Anmerkung 1:

Kriege gab es erst, nachdem die Menschheit schon etwa 95 % ihrer Entwicklung hinter sich hatte. Voraussetzung war Sesshaftigkeit nach Übergang von der Jäger- und Sammlerperiode auf Ackerbau und Viehzucht ab dem 12. Jahrtausend v. Chr., dem die Gründung von Städten mit Herrschern und später Staaten folgte. Die erste Stadt (in der europäischen Vorläuferregion) war ab 6. Jahrtausend v. Chr. Eridu in Mesopotamien. Kriege sind also kulturell-zivilisatorisch bedingt und gehören nicht zur biologischen Natur des Menschen.  Jäger und Sammler hatten zwar auch Konflikte, konnten  aber übermächtiger Gewalt zwischen Gruppen ausweichen. Mobilität sicherte ihr Überleben. Menschenrecht auf Mobilität sichert Flüchtlingen und Migranten ihr Überleben.

 

Über admin

Hausarzt, i.R., seit 1976 im der Umweltorganisation BUND, seit 1983 in der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW (www.ippnw.de), seit 1995 im Friedenszentrum, seit 2000 in der Dachorganisation Friedensbündnis Braunschweig
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