Vox Iudaeorum oder: Der Hexenhammer zu Göttingen
Hört, Volk, in Stadt und Land umher
Vom Friedenspreis die schlimme Mär

Tut Buße, horcht, lasst euch berichten
Von Sündenfall und Strafgerichten

Wie Göttingen, die Stadt der Frommen
Dereinst nur knapp der Höll‘ entkommen...

Verführt hätt‘ beinah uns hienieden
Die STIMME FÜR GERECHTEN FRIEDEN

Verlockt uns im Sirenenton,
Singt gar von Palästinas Fron

Und spricht, fernab der Staatsräson
Von Nakba! Gar: Okkupation!

Oh grässlich Wort! Solch schändlich
Ding Nie an des Bürgers Ohren dring!

Kritik? – erlaubt!, bei meiner Seel
Doch nie: Am Staate Israel!

Was dieses tut im Siedlerland
Sei nie in Deutschland Gegenstand

Zu sagen wie (was manchem graust),
Du, Israel, in Gaza haust

Stets neue Kolonien baust
Den Menschen Land und Wasser klaust

Das Völkerrecht scharf abgelehnt,
Die Grenzen ständig ausgedehnt –

UN-Beschlüsse ignorierst,
Dabei als Opfer dich gerierst

Und lauthals ‚Terror!‘ rufen traust
Kurz: Frieden jeden Weg verbaust...

Davon wird eifrig weggehört,
Wenn was die noble Freundschaft stört

Weil wir zwei Weltkriege verschulden
Muss Palästina leider dulden

Preist Israel! Im Kammerton,
Stimmt ein in Merkels Staatsräson

Doch nun, zum Schrecken aller Frommen
Hätt‘ Vox beinah‘ ‘nen Preis bekommen!

Den Friedenspreis, bei meiner Seel
Für Kritiker an ... Israel!

Doch Göttingen, alt, treu und gut
Ist hierbei immer auf der Hut:

Im Stadtrat raunt die FDP
Die Vox, sie brächt‘ nur Arg und Weh

Und der Beleg für ihre Fehl:
Sie kritisiert uns Israel!

Und höret nur: Ganz ohn‘ Regress
Begrüßt sie auch noch BDS

(Boykott der Siedler & Sanktion
Und Stopp der Kriegs-Investition)

Gottlob hat Göttingen ‘nen Rat,
Der schreitet rasch zu frommer Tat

Berät nach Göttinger Manier
Der Apostatin Frevel hier

Bis sie zu weisem Schlusse kummen:
Die Stimm‘, sie muss alsbald verstummen!

„Gerechter Frieden“? Das tät‘weh
Sagt Köhler von der SPD

Verkündet schließlich seine Lex:
VOX IUDAEORUM ist die Hex‘!

So tönt’s nun laut, wohin man blickt:
Antisemit! – heißt das Verdikt

Drum, Juden hin, und Juden her
Die Stimme duld‘ ich nimmermehr!

Jüdische Stimme – hab‘ ich sie!
Das Kainsmal brennt: S‘ist Blasphemie!

Vom Richtspruch werden gleich ganz blass
Un’versitas und Stadtsparkass‘

Und mag die Stimm‘ auch jüdisch sein,
Brav‘ Christenvolk, drescht fromm drauf ein!

In Anbetracht des grimmen Jammers
Besinnt man sich des Hexenhammers

Doch halt!, die Stimm‘ - von übler Sorte -
Sie findet auch noch Widerworte:

„Ach“ klagt die Stimme: „Währet mir
Doch nur ein einziges Plaisir

Lasst mich beweisen, daß ich nie
Dem Satan meine Stimme lieh‘

Gewährt ihr’s mir, ich zeigt’s euch schon
Durch offene Disputation.

Lasst ob des BDS Manieren
Am Podium uns diskutieren.“

Göttingens Rat jedoch durchschaut
Des Teufels schlecht verhüllte Braut

Und Beisiegel vom Hohen Pult
Plädiert gelehrt auf schwere Schuld:

„Das fehlt‘ grad‘, dass Du uns demnächst
Mit Argumenten noch verhext!“

Und aus Berlin kräht obendrein
Der Hexenwart Felicius Klein:

„Ins Wasser soll die Hex‘ hinein
Und leide dort verdiente Pein!“

So sieht das auch der fromme Schuster:
„Kein Argument die Sonn‘ verduster!“

Und Beisiegel entsinnt gottlob
Sich altbewährter Wasserprob‘:

„Befestigt sie am Hexenstuhl
Und tränkt sie in den Sündenpfuhl!“

„Taucht sie in kalte Staatsräson
Davon verstummt sie uns dann schon!“

Verleumdung ist der beste Witz
Darob kein Räsonier’n mehr nütz‘!

In Ketten schlagt sie, - taucht sie unter!
Da bleibt nur Satans Liebchen munter

Und knebelt sie. Verstummt sie dann
Hat Inquisitor Recht getan

Werft Dreck auf sie und bleibt er kleben
Hat keine Unschuld sich ergeben

Die Anklag‘ selbst ist der Beleg:
Antisemit’sches Sakrileg!

Die Bleilast der Diffamation
Versenkt sie auf den Teichgrund schon

Und brächt’ Belege sie zuhauf
So trieb‘ nur Frevel obenauf.

Denn grad‘ durch Wehen und durch Klagen
Wird der vom Wasser hochgetragen

Gesagt, getan, der Stuhl sitzt fest
Kein Saal die Stimme sprechen lässt

Die Delinquentin sinkt hinab
Das Gottesurteil bricht den Stab

Und siehe da: Es klappt perfekt:
Kein Donnergroll’n das Volk erschreckt

Statt dessen decket sanfte Ruh‘
Den Höllenschlund der Wahrheit zu

Dem Teich entweicht kaum noch ein Glucksen
Die Judenstimm‘ wird nimmer mucksen

Oh holde Ruh‘ - es bleibt, was stört,
nun ungeehrt und ungehört.

Und so befreit von Höll‘ und Sünd‘
Deutsch Michel sel’gen Schlummer findt‘

So blieb die Stadt, Gott Lob und Preis,
Verschont vom Röhl’schen Friedenspreis

Zu Göttingen, fürwahr gescheh’n
Im Jahr des Herrn zwanzig-neunzehn.

~

Und hinterdrein krakeelt: „Hep, hep!“
So mancher antideutsche Depp.

© Clemens Messerschmid, (Ramallah), im Jahre des Herrn 2019