Ulrich Gottstein mit 99 gestorben, Erinnerung an ihn

Ulrich Gottstein mit 99 gestorben, Erinnerung an ihn  https://wp.me/paI27O-6wR

Ich erinnere auch als eines von vielen Beispielen an seinen Brief an Bundeskanzler Schröder, siehe unten…

Gesendet: Montag, 5. Januar 2026 um 17:12
Von: „Angelika Wilmen“ <wilmen@ippnw.de>
An: „AK- Ican-atomwaffenfrei“ <ican@ippnw-lists.de>
Betreff: [AK-nukleare Abrüstung] IPPNW-Gründungsmitglied Ulrich Gottstein am 30. Dezember 2025 gestorben

Liebe Mitglieder des AK,

zum Jahreswechsel erreichte uns die traurige Nachricht, dass unser IPPNW-Gründungsmitglied und Ehrenvorstand Prof. Dr. Ulrich Gottstein gestorben ist.
Die Trauerfeier findet am Samstag, 17. Januar 2026 um 15 Uhr in der evangelischen Sankt Jakobskirche in Bockenheim, Kirchplatz 9, 60487 Frankfurt statt.
Kondolenzadresse: Dr. Monika Gottstein, Rosenhof, Am Weißen Berg 7, 61476 Kronberg

Im Folgenden findet ihr einen Nachruf der beiden IPPNW-Vorsitzenden Dr. Angelika Claußen und Dr. Lars Pohlmeier.
Im Anhang schicke ich euch zudem die Traueranzeige der Familie.

Mit traurigen Grüßen und guten Wünschen fürs Neue Jahr, Angelika

Ulrich Gottstein – der unermüdliche Diener für die Sache des Friedens ist gestorben

Am 30. Dezember 2025 starb Gründungsmitglied und IPPNW-Ehrenvorstandsmitglied Ulrich Gottstein im Alter von 99 Jahren. Bis zuletzt hat er aktiv am Vereinsleben teilgenommen. Sein Vermächtnis an die IPPNW besteht zweifellos darin, gemeinsam alles dafür zu tun, unsere Welt friedlicher zu machen und uns für ein Verbot von Atomwaffen einzusetzen.

Ulrich Gottsteins Frage war immer: Was kann die Medizin für den Frieden tun? Wie können wir Mediziner*innen unsere Welt friedlicher machen? Ein medizin-ethischer Ansatz für unsere IPPNW-Arbeit national und international. Die deutsche und mehrere IPPNW Sektionen weltweit haben seine Impulse aufgegriffen und die Theorie und Praxis der Medizinischen Friedensarbeit entwickelt: Medical Peace Work.
Gottstein war Teil einer IPPNW-Delegation, die im Gespräch mit Michail Gorbatschow erreichen konnte, dass der sowjetische Präsident 1986 einem einseitigen Atomtest-Moratorium zustimmte.

IPPNW-Ehrenvorstandsmitglied Ulrich Gottstein war für uns immer ein Vorbild in dem, wie Humanität, medizinische Ethik und medizinisches Wissen zusammengebracht werden können. Er war leidenschaftlich von der Möglichkeit und der Kraft der Versöhnung überzeugt. Angelika Claußen erinnert sich, wie sie ihm emotional besonders nahegekommen ist, als sie  im Mai 2003 kurz nach Ende der Kampfhandlungen zusammen in den Irak gefahren sind und medizinische Hilfsgüter nach Bagdad gebracht haben.

Die Gespräche in jener Zeit gaben Angelika Claußen viel Inspiration und Kraft, zwei IPPNW-Bildungsprojekte als Beispiel medizinischer Friedensarbeit auf den Weg zu bringen, gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Peter Riedesser aus Hamburg und dem Epidemiologen Wolfgang Hoffmann aus Greifswald. Dazu zählten der Aufbau einer Kinder- und Jugendpsychiatrie im Irak sowie ein Projekt zu neuesten epidemiologischen Forschungsmethoden und zur Schaffung von eigenen wissenschaftlichen Studien zur Umweltmedizin im Irak.

Ulrich Gottstein hat nicht nur geredet, sondern aus einer medizinisch-humanitären Perspektive heraus gehandelt, um gesellschaftliche Entwicklungen zum Positiven zu beeinflussen. Dazu zählten seine Transporte in die Kriegsgebiete der umkämpften Gebiete in Ex Jugoslawien, die Medikamententransporte in den Irak während der international verhängten Sanktionen zwischen 1991 und 2003 sowie die IPPNW-Kinderhilfe Irak, dank derer mehr als 100 irakische Kinder zu Operationen und stationären Behandlungen in deutschen Kliniken untergebracht werden konnten. Durch diese Projekte fühlen wir uns unserem Ehrenvorstandsmitglied sehr verbunden.

Monika und Ulrich Gottstein waren wunderbare Gastgeber*innen in ihrem weltweit geschätzten Frankfurter Haus. Für zahllose internationale Gäste waren die beiden erste Anlaufstelle in Deutschland, zahllose IPPNW-Treffen wurden im Hause Gottstein abgehalten.  Es gibt in der großen internationalen Familie der IPPNW wohl wenige Menschen, die so geschätzt, verehrt, respektiert und vielleicht auch „geliebt“ wurden wie Ulrich Gottstein. Er war damit zugleich eine auf vielen Ebenen wichtige Integrationsfigur im weltweiten Netzwerk der IPPNW.

Für Lars Pohlmeier war und bleibt er ein „Mutmacher“. Ulrich Gottstein begegnete er erstmals bei einem europäischen Studierenden-Treffen in Rostock 1991. Er ist Lars persönlich über die Jahre eine wichtige Leitfigur und Vorbild geworden. Zuletzt besuchte ihn die Pohlmeier-Familie im vergangenen Juni in der Seniorenresidenz. Die Begegnung und das politische Gespräch mit Ulrich und Monika Gottstein vor allem mit den beiden jungen Erwachsenen waren berührend, weil sie eine weitere besondere Eigenschaft zeigten: Ulrich Gottstein war stets ein guter Zuhörer, der sich lebenslang Neugierde und ein genuines Interesse für sein Gegenüber bewahrte, egal ob klein oder groß. Was für eine großartige Eigenschaft!

Mit seiner humanitären Stimme in die Politik hinein hat Ulrich Gottstein wesentlich dazu beigetragen, dass die IPPNW so viel erreicht hat – auf internationaler Ebene bis hin zum Atomwaffen-Verbotsvertrag. Nicht umsonst war er gleich zweimal eingeladen zur Friedensnobelpreisverleihung nach Oslo: 1985 und 2017. Dies ist wohl nur wenigen Menschen beschieden.

Die eigene Kriegserfahrung als 17-jähriger hat Ulrich Gottstein geprägt wie auch der Protestantismus. Er war fleißig, besonnen und bescheiden. Er hatte zahllose leitende Positionen innerhalb und außerhalb der IPPNW inne. Er war viele Jahre Mitglied im deutschen (1981 bis 1995) und internationalen Vorstand (1982-1996) und lange IPPNW-Europa-Präsident (1989-93). Er hat mit der Paracelsus-Medaille (2011) höchste Ehrungen der deutschen Ärzt*innenschaft erhalten und war Träger des Bundesverdienstkreuzes(1992). Er war ohne Allüren, sondern im Grunde seines Herzens einfach Diener der „guten Sache“, vor allem des Friedens.

Den Rücken stärkte ihm seine Frau Monika, die umsichtig und klug stets wichtige Beraterin und Mitstreiterin war. Ihr gebührt zudem unendlicher Dank, dass sie uns so viel Lebenszeit von ihrem Ulrich abgegeben hat.

Der letzte große IPPNW-Auftritt datiert aus dem Jahr 2022 auf dem 40-jährigen Jubiläumskongress in Landsberg, als Ulrich Gottstein uns noch einmal alle mitnahm auf eine bewegende Zeltreise von der Gründungsphase der IPPNW bis in die heutige Zeit. Seine damit verbundenen persönlichen Erinnerungen an Bernhard Lown und Evgenij Tschasow waren bewegend.

Wir sind traurig, dass Ulrich nicht mehr lebt. Aber wir sind ihm sehr dankbar, dass er uns so lange solidarisch und aufopferungsvoll begleitet hat.
Seine Leidenschaft für Frieden und Abrüstung werden in Erinnerung bleiben und uns weitertragen.

Für die IPPNW

Angelika Claußen und Lars Pohlmeier
IPPNW-Co-Vorsitzende der deutschen Sektion


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Angelika Wilmen
Geschäftsstellenleiterin, Friedensreferentin
IPPNW – Internationale Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges /
Ärzt*innen in sozialer Verantwortung e.V.
Frankfurter Allee 3
10247 Berlin
Tel.: 030 / 69 80 74 13
Fax: 030 / 693 81 66
E-Mail: wilmen@ippnw.de
Web: www.ippnw.de Spenden Sie für unsere Aktivitäten 2026
Betreff:
[ippnw-deutschland] Fw: „Offener Brief“ an den Bundeskanzler
Absender:
Prof. Ulrich Gottstein
Empfänger:
ippnw-vorstand@yahoogroups.com
Kopie-Empfänger:
ippnw-deutschland@yahoogroups.de
Datum:
12. Sep 2004 16:58

Diesen Brief schickte ich persönlich an den Bundeskanzler, und er wurde von der Geschäftsstelle als “ Offener Brief“  an die Medien weitergeleitet, nach Zustimmung des Vorstandsvorsitzenden ( 10.9.04)

              OFFENER  BRIEF  AN  BUNDESKANZLER  GERHARD  SCHRÖDER                 NACH  DEM  GEISELDRAMA  IN  OSSETIEN.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

terroristische Attentate treten eines nach dem anderen in zunehmender Zahl auf. EINE  NEUE  POLITIK  IST  ERFORDERLICH !

WIR APPELLIEREN  AN SIE,  eine auf Dialog, Gerechtigkeit und Völkerrecht basierende FRIEDENSPOLITIK  zu fordern und sich weder von Ihrem Freund Präsident  PUTIN, noch von Präsident  BUSH oder Ministerpräsident SHARON  Kritik oder Ratschläge untersagen zu lassen.

Die Kriege in Afghanistan ( zuerst der Sowjetunion, dann der USA), im Irak, in Palästina und seit Jahren in Tschetschenien haben alle Welt gelehrt, dass brutale Gewalt, Einzel-und Massentötungen sowie Zerstörungen von Häusern und zivilen Einrichtungen durch die Besatzungsmächte ( oder „Ordnungsmächte“) nie zu Frieden führen, sondern zu gesteigertem Hass und der Bereitschaft junger Menschen, sich selbst als Explosivwaffe zu verwenden oder sich weiteren Gewaltaktionen anzuschließen.

Wir sind entsetzt über die fanatische Brutalität der Geiselnehmer von Beslan, die in ihrem Wunsch nach Rache nicht mehr erkennen, dass ihre Taten nur Abscheu hervorrufen und eine Zunahme der Brutalität der russischen (Besatzungs-) Armee.

WIR  SIND  ABER  AUCH  ZUTIEFST  ENTSETZT  über die Äußerung des russischen Generalstabchefs  JURI  BALUJEWSKI  im Gespräch mit dem NATO-Oberbefehlshaber General JAMES  JONES: “ was Präventivschläge gegen Terroristenlager angeht, so werden wir alles unternehmen, um diese in jeder beliebigen Region  DER  ERDE   zu zerstören“.

Der „preemptive war“, also Präsident  BUSH ´s  „Vorbeugekrieg“ gegen den Irak hat nun einflussreiche Nachahmer gefunden. Mit dem Slogan „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“ wird jetzt ungetadelt Krieg ausgedehnt. Schon jetzt toben jährlich über 25 Kriege auf unserer Erde.

IST  DA  NICHT  EINE  ANDERE  POLITIK  NÖTIG ?

Die altrömische Regel “ wer den Frieden will, muss den Krieg vorbereiten “  ( si vis pacem para bellum) hat  total versagt. Eine neue Außenpolitik ist notwendig, deren Ziel die Erhaltung des Friedens und die politische Lösung von Gewaltkonflikten und Kriegen ist, nach der Devise “ wer Frieden will, muss Frieden vorbereiten“ ( si vis pacem para pacem).

Statt die militärische Schlagkraft ständig zu erhöhen ( und dafür Milliarden Euro/Dollar auszugeben) und in den „Verteidigungsministerien“ ( die in Wirklichkeit Kriegsministerien sind) Einsatzpläne der Armeen zu entwerfen und auf den Computern durchzuführen,  brauchen die Regierungen  – so auch die deutsche  – eigenständige MINISTERIEN  ( wie z.B. das Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Ministerin Wieczorek-Zeul) für  KRIEGSVERHÜTUNG  bzw.  FRIEDEN.

Aufgabe eines solchen FRIEDENSMINISTERIUMS  wäre es, mit Spezialisten ( Friedensforscher, Historiker, erfahrene Diplomaten mit Sprachkenntnissen, Etnologen, Wirtschaftler, Mediziner, Psychologen und anderen, sowie in der Konfliktlösung erfahrene Offiziere, z.B. aus der OSZE)  frühzeitig die Risiken aus inner- oder zwischenstaatlichen Konflikten und Streitigkeiten zu erkennen und den Regierungen kompetenten Rat zu geben, bevor es zu spät ist, also Tötungen, Vertreibungen und Krieg ausgebrochen sind.

So sehr der Bundesaußenminister Herr JOSCHKA  FISCHER  bemüht ist, bei der Lösung internationaler Probleme behilflich zu sein, so sehr ist er als Einzelperson mit einem nur kleinen diesbezüglichen Stab überfordert. Ein effektiv arbeitendes FRIEDENSMINISTERIUM  ist dringend erforderlich.

Wir sind uns völlig im klaren, dass jetzt in TSCHETSCHENIEN und den Nachbarländern die politische und militärische Situation total verfahren ist. Umso mehr brauchen Präsident  PUTIN  und die VEREINTEN  NATIONEN  kundige und kluge Berater und Vermittler.  PRÄVENTIVSCHLÄGE , und insbesondere “ in jeder beliebigen Region der Erde “  wären die absolut falsche, das Völkerrecht brechende und zur Katastrophe führende  Maßnahme !

Bitte nehmen Sie unsere Forderung nach Einrichtung eines kompetenten Friedensministeriums und einer aktiveren Friedenspolitik ernst.

Für den Vorstand der deutschen Sektion der  „IPPNW- Internationale Ärzte zur Verhütung von Atomkrieg“,

Prof. Dr.med. Ulrich Gottstein, Frankfurt/M

Gründungs-und Ehrenvorstandsmitglied

Über admin

Hausarzt, i.R., seit 1976 im der Umweltorganisation BUND, schon lange in der Umweltwerkstatt, seit 1983 in der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW (www.ippnw.de und ippnw.org), seit 1995 im Friedenszentrum, seit 2000 in der Dachorganisation Friedensbündnis Braunschweig, und ich bin seit etwa 15 Jahren in der Linkspartei// Family doctor, retired, since 1976 in the environmental organization BUND, for a long time in the environmental workshop, since 1983 in the medical peace organization IPPNW (www.ippnw.de and ippnw.org), since 1995 in the peace center, since 2000 in the umbrella organization Friedensbündnis Braunschweig, and I am since about 15 years in the Left Party//
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