Erzbischof Joseph Tobij von Aleppo: „Die 5 Dinge,…”

Diese Infos über Erzbischof Tobji, der in der der italienischen Abgeordnetenkammer sprach, kommen von Bernd Duschner am 11.10.16

Erzbischof Joseph Tobij von Aleppo:

„Die 5 Dinge, die der Westen tun müsste, um den Krieg in Syrien sofort zu beenden“.

Der Erzbischof von Aleppo Joseph Tobij lebt mit weiteren 1,3 Mio. Syrern im Westteil der Stadt, der sich unter der Kontrolle der Regierung befindet. Im flächenmäßig etwa gleich großem Ostteil, den die „Rebellen“ von Al-Nusra und ihren Verbündeten beherrschen, halten sich noch knapp 300.000 Menschen auf. Eingeladen von der 5-Sterne Bewegung hat Erzbischof Tobji am 5.10.16 auf einer Pressekonferenz in der Italienischen Abgeordnetenkammer erklärt:

„Mit aller Deutlichkeit möchte ich vor allem sagen: Schluss mit dem Krieg.“

„Ich lebe im Westteil von Aleppo. Wir sind jeden Tag mit dem Tod, mit Raketen,  Mörser- und. Kanonenschüsse sowie Scharfschützen konfrontiert. Die Terroristen schießen überall. Wenn wir solche Angriffe erleiden, können wir die Täter nicht als Rebellen bezeichnen. Allein in der letzten Woche hatten wir 75 Tote und 180 Verletzte. Gestern wurde die Universität getroffen. Es gab viele Opfer. Jeden Tag gibt es Beerdigungen. Auch wenn wir zu hause bleiben,sind wir nicht sicher: die Häuser stürzen über deinem Kopf ein. Aleppo ist die zweite Stadt in Syrien. Dort lebten 4 Millionen Menschen. Jetzt ist sie halb zerstört. Unsere beide maronitischen Kirchen gibt es nicht mehr, viele Moscheen, Krankenhäuser, Wohnhäuser, Fabriken und Geschäfte liegen in Trümmern.“

„Häufig haben wir keinen Strom und das geht seit 5 Jahren . Ohne Strom kommt alles zum Stillstand, es kann nicht gearbeitet werden. Seit 5 Jahren ist das Stromwerk in der Hand der Terroristen. Häufig gibt es kein fließendes Wasser. Es ist deshalb normal geworden, sich vor den Brunnen anzustellen, um seine Kanister zu füllen. Die alten Menschen müssen sie hinauf in ihre  Wohnungen tragen. Das Schlangestehen macht man unter Raketenbeschuss…

Als Folge des Krieges und der Sanktionen herrscht große Armut. Man spricht viel von Belagerungen. Der Westteil stand häufig unter Belagerung. Die einzige Straße war von bewaffneten Gruppen blockiert und dann kam nichts durch. Es gibt zahlreiche physische und psychische Erkrankungen. In dieser Situation warten alle darauf, wann sie mit dem Sterben an der Reihe sind.

Die Medien sprechen nur von den Leiden unserer Brüder im Ostteil, nicht von unseren Leiden. Sie zeigen ein armes Kind, das sie aus den Trümmern ziehen, aber nicht die vielen anderen getöteten oder verstümmelten Kinder im Westteil. Ich betone:  Es handelt sich nicht um einen Religionskrieg. Die Religion wird instrumentalisiert.

Der Krieg forciert die Emigration. Wir sind mittlerweile ohne Jugend, ohne Zukunft. Wer wird unser Land wiederaufbauen? Wie wird Syrien in 30 Jahren aussehen? Wird es nur seine Vielfalt verloren haben?

Das sind unsere Forderungen, damit der Krieg ein Ende findet:

  1. Schluss mit dem Waffenverkauf
  2. Der Zufluss von Terroristen über die türkische Grenze ist zu beenden.
  3. Schluss mit den Gehaltszahlungen an Terroristen
  4. Die unmoralischen Wirtschaftssanktionen sind zu aufzuheben
  5. Helft uns, das Leben wiederaufzubauen. Unterstützt Versöhnung und Übereinkünfte zwischen den ethnischen und religiösen Gemeinschaften.

Interview mit Monsignor Joseph Tobij, maronitischer Erzbischof von Aleppo

Aleppo leidet. Tageszeitungen und Radio sind voll von dieser Tragödie. Monsignor Joseph Tobij, Erzbischof der Maroniten von Aleppo ist direkter Zeuge dieser Leiden. Darüber spricht er in Rom, wo er sich momentan in diesen Tagen aufhält.

Interviewer: David Malacaria

In den Zeitungen liest man vom belagerten Aleppo, dem Ostteil, der sich in der Hand der Rebellen befindet und verurteilt die russischen Bombardierungen in diesem Bereich. 

Gewiss, die Flugzeugbomben töten. Aber auch die Raketen und Artilleriegeschosse töten, genauso wie die sogenannten leichten Waffen. Der Ostteil von Aleppo erleidet Bombardierungen. Aber auch im westlichen Teil, wo ich mich befinde, sterben seit 4 Jahren Menschen, seit die Terroristen einen Teil von Aleppo eingenommen und begonnen haben, auf die Zivilbevölkerung in den freien Stadtteilen ihre tödlichen Geschosse abzuschießen.

Entschuldigung, Sie haben von Terroristen gesprochen, für den Westen sind es Rebellen. Und gemäßigte Rebellen….

Im Westen hat man eine seltsame Vorstellung von „gemäßigt“. Sie machen  keine Demonstrationen auf den öffentlichen Plätzen. Sie schießen mit Kanonen und Mörsern auf unschuldige Zivilisten… sind das „Gemäßigte“?

Aber es gibt unterschiedliche Fraktionen: Al Nusra, Jihadisten, Freie syrische Armee. Sind alle gleich?

Selbstverständlich. Und viele von ihnen sind Ausländer. Es sind Terroristen aus Saudi-Arabien, Libyen, Tschetschenien,  aber auch aus westlichen Ländern. Dorthin kehren sie anschließend zurück und richten Massaker an, wie ihr in diesen Jahren gesehen habt.

Kommen wir zurück auf die Belagerung von Ost-Aleppo durch die Regierungstruppen.

Lange Zeit war der Teil der Stadt, der sich unter der Kontrolle von Damaskus befindet, von jeder Versorgung abgeschnitten. Über Monate hinweg haben wir an  Hunger und Durst gelitten, weil die Terroristen oft die Wasserversorgung durch das einzige Wasserwerk, das eben sie kontrollieren, unterbrochen hatten (sie machen das noch immer, wenn es für sie nützlich ist). Diese Leiden haben die internationale Öffentlichkeit nicht interessiert. Heute versucht die syrische Armee den Sektor, der von den Terroristen kontrolliert wird, einzunehmen, indem sie ihnen die Nachschubwege versperrt. Das erregt Aufsehen.

Die Medien sprechen von Belagerung   

Das sind die Gleichen, die die Sanktionen befürworten. Die Sanktionen haben die Auswirkungen wie die einer Belagerung der syrischen Bevölkerung. Ihre Wirkung ist noch schlimmer. Die Sanktionen haben zur Verarmung einer ganze Nation geführt und das Volk ausgehungert. Viele Flüchtlinge gehen deshalb in den Westen, weil sie e Hunger leiden: es gibt keine Arbeit, keine Zukunft.  Es ist eine grausame Belagerung, bei der den Kindern die Medikamente, die Ersatzteile für die medizinischen Geräte verweigert werden. Und dann schreibt man von der Belagerung des Ostteils von Aleppo.

Aber in diesen Jahren wurde humanitäre Hilfe geliefert

Manchmal ist auch in Aleppo etwas angekommen. Offen gesprochen wenig, angesichts des enormen Bedarfs. Seltsamerweise waren die Transporte des Roten Kreuzes für ganz Aleppo bestimmt. So wurde der belagerte Teil, der damals unter Kontrolle von Damaskus stand, beliefert, und der Teil, den die Terroristen kontrollierten, obwohl er nicht belagert und mehr als versorgt war.

Kommen wir zurück auf die Bombardierungen ..

Keine Frage, die Bombardierungen schmerzen. Es gibt Zivilisten, die in diesen Zonen wohnen. Bei ihnen handelt es sich um Unschuldige. Ich bin nur ein Pastor und kann dazu nur die Meinung der Leute in der Stadt wiedergeben. Sie glauben, dass die syrische Armee das Richtige tut, um die Bürger vor den Angriffen der Terroristen zu beschützen. Auch heute, jeden Tag, schlage im Westteil Raketen und Mörsergeschosse ein. Jeden Tag haben wir Tote zu beweinen. Aber das macht offensichtlich keine Schlagzeilen wie die Toten auf der anderen Seite.

Wie lebt die Zivilbevölkerung unter der Herrschaft der Jihadisten?

Sie haben ihre eisernen Gesetze wahabitischer Herkunft, ihre Gerichte. Ich glaube nicht, dass es den Syriern gefällt, diesen Gesetzen zu unterliegen. Man muss sich nur vor Augen halten, dass die beiden Teile von Aleppo, der im Osten, den die Terroristen besetzt halten, und der im Westen, den Damaskus kontrolliert, flächenmäßig die gleiche Ausdehnung haben. Sie hatten mehr oder wenige die gleiche Einwohnerzahl. Heute leben im Ostteil 300.000 Menschen, im Westteil 1,3 Millionen. Wer konnte, ist vor diesen Fanatikern geflohen.

Der syrische Islam war immer gemäßigt

Richtig. Auch heute unter den Bomben sind die Beziehungen zwischen Christen und Moslems gut, wie es alte Tradition in Syrien ist. Wenn die Terroristen gewinnen, wird das alles verschwinden.

Wie geht das Leben der Christen unter den Bomben weiter?

Dank Gottes gibt es viele Dinge, die uns Trost spenden und unseren Glauben erhalten. Die Gläubigen kommen weiter zur Messe, auch wenn sie mittlerweile in der Kapelle des Erzbistums gefeiert wird, da die beiden maronitischen Kirchen der Stadt zerstört wurden. Viele Kinder und Jugendliche kommen zur Katholischen Aktion und den Pfadfindern, sowie es die jeweilige Situation erlaubt. Wir versuchen allzu große Risiken für Jugend zu vermeiden, aber im Ende kann man sich nur dem Schutz Gottes anvertrauen.

In Rom haben Sie auch den Papst getroffen

Ich habe ihm ein Album gebracht, das Jugendliche der Pfarrei gemacht und signiert hatten. Es zeigt Fotos ihrer Lieben, ihrer Freunde und Verwandten, die im Krieg getötet wurden. Als der Papst begann, es durchzublättern, war er erschüttert. Sie mussten ihn stützen. Er hat geweint und mit ihm haben auch wir alle ein wenig geweint.

Was verlangen Sie vom Westen?

Der Krieg in Syrien ist nur ein Teil Weltkrieges, der an verschiedenen Orten stattfindet und von dem der Papst spricht. Russen und Amerikaner müssen zu einer Verständigung kommen. Es ist richtig, dass die bisher erprobten Waffenstillstände keine Ergebnisse brachten. Sie wurden immer dann vereinbart, wenn die Terroristen mit dem Rücken zur Wand standen, Ihre Unterstützer haben im Gegenteil, die Waffenstillstände benützt, um sie mit Waffen zu versorgen und weitere Milizen nach Syrien hereinzulassen, so dass diese Mörder die Brutalität bei ihren Angriffen noch erhöht haben. Deshalb fangen wir in Syrien an zu zittern, wenn wir von neuen Waffenstillständen hören…. Es scheint, dass einer der Streitpunkte zwischen den Mächtigen die Frage ist, wer in Zukunft über die Verwendung der Reichtümer Syriens entscheidet und wer den Wiederaufbau trägt. Es geht um Abermilliarden Dollar.

Sehen Sie keine Hoffnung?

Wie gesagt, kann man nur hoffen, dass die Mächtigen zu einer Übereinkunft gelangen. Wir im kleinen können nur beten. Darum bitte ich auch die Leser dieses Interviews. Es handelt sich dabei nicht nur um ein Beten für die Brüder, die sich in Schwierigkeiten befinden. Wir sind ein einziger Körper: wenn ein Glied krank ist, leidet der ganze Körper. Deshalb betet jeder, der für Brüder in weiter Ferne betet, tatsächlich auch für sich und seine Seele. Eine Hilfe, den eigenen Glauben zu leben.

Quelle:
Antidiplomatico – Übersetzung B. Duschner

https://www.youtube.com/watch?v=kLA5CNnIjSI&feature=youtu.be

Friedensappell des Erzbischof von Aleppo, Joseph Tobij am 5.10.2016 im italienischen Parlament

 

 

 

 

 

Über admin

Hausarzt, i.R., seit 1976 im der Umweltorganisation BUND, seit 1983 in der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW (www.ippnw.de), seit 1995 im Friedenszentrum, seit 2000 in der Dachorganisation Friedensbündnis Braunschweig
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