Kapitale Klimaklempner

Gesendet: Sonntag, 31. März 2019 um 19:30 Uhr
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junge Welt vom 01.04.2019

Thema

Linda Schneider

Klima

Kapitale Klimaklempner

Geoengineering verspricht eine technische Lösung für die sich immer deutlicher abzeichnende Klimakrise – die Verfahren bergen aber vor allem Gefahren

Seit etwa einem Jahrzehnt betreibt eine kleine, aber wachsende Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Regierungsvertretern und Beratern – vor allem aus Ländern des globalen Nordens mit einflussreicher fossile Brennstoffe nutzender Industrie – Lobbyarbeit für die politische Akzeptanz von Geoengineering. Nicht ohne Erfolg: Geoengineering hat in den vergangenen Jahren in den Mainstream der internationalen Klimapolitik und -wissenschaft Einzug gehalten. Gerade aus Debatten rund um das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen ist das Thema kaum noch wegzudenken. Aber nicht nur das: Mit geplanten und bereits durchgeführten Experimenten in der freien Natur, mit einer Gesetzgebung auf nationalstaatlicher Ebene, die finanzielle Anreize für die Entwicklung entsprechender Technologien setzt, und umfangreichen Investitionen aus dem Silicon Valley, der fossilen wie auch der Automobil- und Bergbauindustrie werden bereits Fakten geschaffen.

Mitte März hat sich zudem die Umweltversammlung der Vereinten Nationen – das höchste UN-Gremium in Umweltfragen – erstmals mit dem Thema befasst. Auf der Tagesordnung stand ein Resolutionsentwurf der Schweizer Regierung, durch den ein Bericht zum Stand der Forschung, den Risiken und möglichen Regulierungsoptionen mandatiert werden sollte. Nach zwei Wochen kontroverser Verhandlungen scheiterte die Resolution an der Blockadehaltung insbesondere der USA und Saudi-Arabiens. Dass gerade diejenigen Länder, in denen die politische Unterstützung für Geoengineering wächst, sich gegen Schritte in Richtung einer internationalen Regulierung sträuben, ist kaum überraschend. Gleichzeitig wirft das Verhandlungsergebnis einen Schatten auf den prekären Status quo des Multilateralismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts und deutet die Schwierigkeiten an, diese Technologien mit planetaren Auswirkungen international effektiv und umfassend zu regulieren.

Gravierende Nebenwirkungen

Geoengineering, oder auch Climate Engineering, ist ein Sammelbegriff für eine Reihe großtechnologischer Eingriffe in die planetare Umwelt – die Biosphäre, Atmosphäre und Ozeane –, um einige der Effekte und Auswirkungen des Klimawandels hinauszuzögern, einzudämmen oder zu unterdrücken.

Dabei wird häufig in zwei Kategorien unterschieden: Carbon Dioxide Removal (CDR) und Solar Radiation Management (SRM). Mittels CDR soll der Atmosphäre das Treibhausgas CO2 in großem Maßstab wieder entzogen und unterirdisch oder in den Ozeanen eingelagert werden. Um das CO2 wirklich aus dem Kohlenstoffkreislauf zu nehmen, müsste die Einlagerung sicher und dauerhaft über Jahrhunderte gewährleistet sein. SRM hingegen zielt darauf, den Temperaturanstieg der Erde direkt zu unterdrücken – etwa, indem Aerosole in die Stratosphäre eingebracht oder Wolken aufgehellt werden. Ein Teil des einfallenden Sonnenlichts soll dadurch zurück ins All geworfen werden, so dass es die Erde gar nicht erst erwärmt.

Geoengineering steht für den Versuch, dem Klimawandel mit (groß-)technologischen Maßnahmen zu begegnen. Keine dieser Technologien nimmt die Ursachen des Klimawandels in den Blick – eine auf fossiler Energiegewinnenung basierende, wachstumsgetriebene Produktionsweise. Im Gegenteil: Geoengineering würde die Klima- und andere sozial-ökologische Krisen verschärfen, statt Abhilfe zu schaffen. Es zielt strukturell darauf ab, das Zeitalter fossiler Energienutzung zu verlängern und die zentrale Stellung der Öl- und Gasindustrie zu zementieren. Und es liefert autoritären Allmachtsphantasien der globalen Kontrolle über das Klima Vorschub – nicht zuletzt, weil hier auch weitere großtechnologische Entwicklungen wie Big Data, Automatisierung und Künstliche Intelligenz (KI) ins Spiel kommen.

Geoengineering greift tief in die globalen Ökosysteme und Kreisläufe ein – für einen klimarelevanten Effekt müssten diese Technologien im globalen Maßstab eingesetzt werden. Somit sind auch die Risiken und absehbaren negativen Auswirkungen globaler Natur. Sie sind zudem stark ungleich verteilt und würden insbesondere zu Lasten derer gehen, die auch von den Auswirkungen des Klimawandels bereits am stärksten betroffen sind.

So benötigen beispielsweise CDR-Technologien in variierender Kombination riesige Mengen an Land, Biomasse, Energie und anderen Ressourcen. Die CDR-Technologie BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage) etwa soll großmaßstäbliche Bioenergieproduktion mit der unterirdischen Lagerung von CO2 kombinieren. Für sogenannte Bioenergie wird schnellwachsende Biomasse gebraucht – also Bäume oder andere Nutzpflanzen in Monokultur –, das bei der Verbrennung anfallende CO2 soll dann abgeschieden und etwa in alten Öl- und Gasreservoirs verflüssigt eingelagert werden.

BECCS im klimarelevanten Maßstab würde die Effekte der Privatisierung von Land und der Entrechtung und Vertreibung, die aus der Debatte um Agrartreibstoffe bekannt sind, verstärken: In Klimaszenarien werden teilweise mehrere hundert bis über 1,5 Milliarden Hektar Land für BECCS »eingesetzt« – zum Vergleich: Die globale Nahrungsmittelproduktion findet ebenfalls auf rund 1,5 Milliarden Hektar Land statt. Großmaßstäbliches »Land Grabbing« und die Gefährdung der Ernährungssicherheit, im Kontext des Klimawandels ohnehin verschärft, wären die absehbare Konsequenz. Klar ist: Die riesigen Landmassen sowie auch die für CDR-Industrien benötigten Ressourcen und Rohstoffe wären wohl kaum in Europa oder den USA zu finden. Statt dessen würden neokoloniale Extraktions- und Ausbeutungsmuster im Namen des Klimaschutzes verfestigt.

Der Einsatz von SRM würde, nach allem, was sich aus den Computersimulationen ableiten lässt, regional stark unterschiedliche Auswirkungen haben. Sehr wahrscheinlich ist es, dass es regionale Gewinner und Verlierer gäbe. Der Eingriff in das Klimasystem könnte, so die Modelle, globale Niederschlagsmuster verändern und in unterschiedlichen Erdteilen zu Dürren oder Überschwemmungen führen sowie den ostasiatischen Monsun beeinträchtigen, von dem der Frischwasserzugang und die Ernährungssicherheit von rund zwei Milliarden Menschen abhängen.

Verlängerung des fossilen Zeitalters

Es ist mittlerweile umfassend dokumentiert, dass die Öl- und Gasindustrie seit mehreren Jahrzehnten Forschung zu Geoengineeringtechnologien betreibt, auf einzelne Technologien Patente hält und immer wieder Einfluss auf wissenschaftliche Berichte genommen hat, die den Diskurs in der Vergangenheit stark geprägt haben.

Das unmittelbare Interesse der fossilen Industrie, aber auch anderer klima- und umweltschädlicher Industrien wie der Automobil- und Bergbauindustrie an Geoengineering liegt auf der Hand: Die Aussicht auf einen großtechnologischen »Fix« der Klimakrise, oder auch nur die Illusion desselben, mindert vermeintlich die Dringlichkeit, umgehend und sektorübergreifend Treibhausgasemissionen zu reduzieren, und erlaubt es den entsprechenden Industrien, weiterzumachen wie bisher.

Keine dieser Technologien ist auf einem Entwicklungsstand, bei dem ihr Einsatz in klimarelevantem Maßstab möglich wäre. Es ist völlig unklar, ob sie rechtzeitig – oder jemals – zur Verfügung stehen und funktionieren werden. Somit schränkt die Aufmerksamkeit für Geoengineering unsere Handlungsmöglichkeiten perspektivisch eher ein, als sie zu erweitern: Geoengineering soll, so heißt es oft, nach einem »Overshoot«, einem Überschreiten etwa des 1,5-Grad-Klimaziels, zum Einsatz kommen, um die Erderwärmung wieder zu reduzieren. Wenn das allerdings in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts nicht gelingt (aus technologischen, politischen, sozialen oder physikalischen Gründen), hat sich das Möglichkeitsfenster für drastische Emissionsreduktionen, das zur Zeit noch offen steht, geschlossen.

Aber Geoengineering steht der sozial-ökologischen Transformation auch strukturell im Weg: Denn es würde neue extraktive Großindustrien mit transnationalen Wertschöpfungsketten schaffen – und in der Gesamtbilanz mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich mehr zusätzliche Emissionen produzieren als der Atmosphäre entziehen.

Viele der CDR-Strategien basieren auf Technologien des Carbon Capture and Storage (CCS), also der Abscheidung und unterirdischen Lagerung von CO2 (gegen die es in der Vergangenheit in Europa und insbesondere auch in Deutschland aufgrund der unklaren Risiken und langfristigen Wirkungen bereits erheblichen Widerstand in der Bevölkerung gab). CCS wiederum ist eine Technologie, die ursprünglich als »Enhanced Oil Recovery« (EOR) von der Ölindustrie entwickelt wurde. Hierbei geht es darum, die letzten, schwerer erreichbaren Barrels Öl durch das Einleiten von CO2 zu fördern, was wiederum zusätzliche Emissionen schafft, anstatt diese zu senken.

Großindustrielles CDR würde eine Ausweitung transnationaler Infrastruktur für den Transport und die Einlagerung des CO2 benötigen – diese, insbesondere der Ausbau von Pipelines, wäre letztlich Infrastruktur der fossilen Industrie und würde von eben dieser gebaut werden. In Anbetracht der Aussicht auf Erweiterung ihrer Geschäftsfelder überrascht es daher nicht, dass die fossile Industrie in ihren Energieszenarien in großem Stil auf CCS und auch CDR setzt.

Der großindustrielle Einsatz von BECCS würde dazu führen, dass riesige Mengen an Biomasse – also Bäume oder Energiepflanzen – aus flächenreichen Ländern importiert und beispielsweise in Europa verbrannt würden. Damit würde zwar in Teilen die Verbrennung fossiler Rohstoffe durch die Verbrennung von Biomasse ersetzt (was im übrigen aber keineswegs CO2-neutral und zudem eine der ineffizientesten Weisen der Energieproduktion ist), aber das gegenwärtige Energiesystem, das auf der Verbrennung von Rohstoffen basiert, bliebe erhalten. Somit ist BECCS ein zusätzlicher Blockadefaktor für die Transformation hin zu einer dezentralen Energieproduktion aus tatsächlich erneuerbaren Energiequellen.

Ähnliches gilt für den Verkehrssektor, der vom Verbrennungsmotor geprägt ist. Eine andere CDR-Technologie ist das sogenannte Direct Air Capture (DAC), das CO2 in einem energieintensiven Prozess direkt aus der Umgebungsluft filtert. Verschiedene kommerzielle Pilotprojekte und Startups experimentieren damit, das eingefangene CO2 in andere Produkte zu überführen, um eine marktfähige Ware zu erzeugen. Dabei wird auch an der Herstellung von synthetischem Treibstoff aus CO2 geforscht, der dann im motorisierten Individualverkehr, im Flugverkehr und in der Schiffahrt eingesetzt werden kann. Die Befürworter preisen die dadurch schwindende Notwendigkeit der Veränderung der existierenden Infrastruktur sowie der Produktions- und Konsumweisen explizit als Vorteil der Technologie an.

Andere Produkte, die aus dem gefilterten CO2 hergestellt werden können – wiederum mehr oder weniger energieintensiv und mit zusätzlichen Emissionen im Produktionsprozess –, sind Kohlensäure für Softdrinks, Plastik und verschiedene kohlenstoffbasierte Materialien. Das darin gebundene CO2 landet bei der Kurzlebigkeit dieser Produkte entsprechend schnell wieder in der Atmosphäre. Das hält Silicon Valley und andere Investoren nicht davon ab, viel Geld in die Kommerzialisierung dieser Technologien zu investieren. Die Befürworter schwärmen schon von der »New Carbon Economy«, in der CO2 nicht mehr das Problem, sondern ein Teil der Lösung sei – das hat aber mit neuen Akkumulationsstrategien deutlich mehr zu tun als mit Klimaschutz.

Big Data, Automatisierung und KI

Verbindungslinien gibt es nicht nur zu den »alten« Akteuren der Klimakrise – vor allem der fossilen und petrochemischen Industrie –, sondern auch zum Kerngeschäft von Big Tech. Konzerne aus diesem Umfeld haben in den vergangenen Monaten bereits ihre Kooperation mit der Öl- und Gasindustrie intensiviert und treiben die Digitalisierung und Automatisierung der Exploration und Förderung fossiler Rohstoffe voran – mit der Konsequenz, dass diese noch billiger und mit noch weniger Arbeitskraft produziert werden können.

Geoengineering eröffnet darüber hinaus ein potentiell gigantisches neues Feld der Inwertsetzung von Daten und Kontrollmöglichkeiten über die globale Umwelt: Geoengineering, in jeglicher Variation, würde die großmaßstäbliche Sammlung und Verarbeitung globaler Klima- und Umweltdaten voraussetzen, und ein praktisch permanentes Monitoring und Überwachen von Veränderungen im Klimasystem ermöglichen.

Im diesem Feld gibt es auch immer wieder Vorstöße und bereits erste Plattformen, die die CO2-Entnahme, ihre Verifikation und den monetären Ausgleich mittels Blockchain und Kryptowährungen organisieren sollen. In diese Richtung wird auch im Bereich Emissionshandel und »Offsetting« (freiwillige Kompensation für erzeugte Emissionen) diskutiert. Auf der technischen Ebene (wie auch auf der politischen) liegt dann eine Integration in existierende oder unter dem Pariser Klimaabkommen noch zu etablierende Marktmechanismen nahe. Die haben in der Vergangenheit vor allem zu Business as usual bei den verschmutzenden Industrien sowie zu mitunter desaströsen sozialen und ökologischen Auswirkungen auf lokaler Ebene geführt – aber nicht zu Emissionsreduktionen.

Auch im Bereich Marine Cloud Brightening, einer SRM-Technologie, bei der Wolken großmaßstäblich aufgehellt werden sollen, um ihre Rückstrahlkraft zu erhöhen, planen Forscherinnen und Forscher den Einsatz automatisierter Drohnenschiffe, die in den Küstengebiete umherfahren und ankommende Wolken mit Partikeln besprühen sollen.

Im Bereich SRM ist die Rolle der zentralisierten, datengesteuerten Kontrolle über die globalen Klimaparameter noch augenscheinlicher, da der Einsatz von solarem Geoengineering deutlich unmittelbarer planetare Auswirkungen hätte und somit auf dieser Datengrundlage gesteuert werden müsste. Ein hochkomplexes, teilweise chaotisch reagierendes Klimasystem zu manipulieren und unter Kontrolle zu halten, ist aber entsprechend anspruchsvoll bzw. unmöglich. Für eine Computersimulation haben Forscher daher einen lernfähigen Algorithmus entwickelt, der die Injektion von Partikeln in die Stratosphäre steuern und Einsatzort, Dosierung und zeitliche Abstände entsprechend anpassen kann. Die Tatsache, dass ein Eingriff in das globale Klimasystem keine uniformen, sondern regional und lokal stark unterschiedliche Auswirkungen hätte, wirft Fragen danach auf, von wem und auf der Grundlage welcher Prämissen eine solche Künstliche Intelligenz programmiert werden soll.

Einige der Geoengineeringtechnologien laufen auch mit Anwendungen der neuen Gentechnik (Stichwort: »Genschere«) bzw. der synthetischen Biologie zusammen. So gibt es Vorschläge, Pflanzen gentechnisch dahingehend zu verändern, dass ihre Blätter stärker reflektierend wirken, oder die Verstoffwechslung von CO2 mittels Photosynthese künstlich zu steigern. Gerade im Bereich schnell wachsender Biomasse – Energiepflanzen, aber auch Bäume in Monokultur – werden schon heute genetisch veränderte Sorten genutzt, die für einen bestimmten Zweck »optimiert« wurden. Die neuen Gentechnikverfahren der Synthetischen Biologie erlauben es, DNA am Computer zu schreiben und somit Molkeküle Zellen oder ganze Organismen zu »designen« – selbst ohne Vorbild in der natürlichen Welt. Solche eigens dafür programmierten Organismen sind Teil mancher Geoengineeringtechnologien, etwa als kleine »Fabriken«, die CO2 in andere Produkte umwandeln.

Somit ist das Thema Geoengineering vor allem auch als Frage von Technologieentwicklung und in der Konvergenz mit anderen disruptiven Großtechnologien zu betrachten, die ihrerseits im Kontext von globalen Kräfteverhältnissen entstehen und ebenfalls mit tiefgreifenden sozial-ökologischen Risiken und Auswirkungen einhergehen.

Eine internationale Einigung über den Einsatz von Geoengineering ist insbesondere im Fall von SRM mehr als unwahrscheinlich, da die negativen Auswirkungen regional stark ungleich verteilt wären. Somit würden zwangsläufig politische, ökonomische und militärische Kräfteverhältnisse entscheiden, wer die Kontrolle über das globale Thermostat übernimmt, wenn eine solche Technologie erst einmal entwickelt ist. Das macht auch das Argument der Befürworter, dass sie »nur Forschung« betreiben würden, so gefährlich: Es ignoriert die (sicherheits)politische Ökonomie, in deren Kontext diese Technologieentwicklung voranschreitet. Geoengineering ist also nicht zuletzt unter sicherheitspolitischen und geostrategischen Gesichtspunkten ein globales Risiko.

Eine Beteiligung des Militärs bei einem möglichen Einsatz von SRM wäre bereits schlicht infrastrukturell eine Notwendigkeit: Millionen von Tonnen an Sulfaten müssten Jahr für Jahr – tendenziell in ansteigenden Mengen, sofern die CO2-Konzen­tration nicht parallel drastisch sinkt – in die Stratosphäre eingebracht werden. Denn wenn der Einsatz von SRM einmal begonnen wurde, kann er nicht ohne weiteres beendet werden: In einem solchen Fall würde ein »Termination Shock« einsetzen – ein sprunghafter Anstieg der globalen Temperatur, die mittels SRM unterdrückt wurde. Hinzu kommt die Notwendigkeit der permanenten Kontrolle und Nachjustierung der globalen Klimaparameter, gegebenenfalls gesteuert durch einen lernfähigen Algorithmus.

Es ist umfassend belegt, dass die militärische Forschung zu Methoden der Manipulation und Kontrolle von Wetter und Klima weit in das 20. Jahrhundert zurückreicht. Der Vietnamkrieg ist eines der Beispiele, in dem wetter- und umweltverändernde Technologien, in diesem Fall durch die USA, bereits zu militärischen Zwecken eingesetzt worden sind. In militärischen und sicherheitspolitischen Kreisen wird der Klimawandel auch als Problem nationaler Sicherheit und Geoengineering als mögliches Instrument der Gefahrenabwehr angesehen. Somit ist eine Dynamik des Wettrüstens bei der Technologieentwicklung von Geoengineering im Kontext von globalem Rechtsruck, Autoritarismus und stark geschwächtem Multilateralismus ein reales Risiko.

Spätestens aber in Anbetracht der global stark ungleich verteilten Risiken und Auswirkungen ist ein Ausbleiben von lokalen, regionalen und internationalen Konflikten im Zusammenhang mit dem Einsatz von Geoengineeringtechnologien und dessen Folgen kaum vorstellbar.

Internationales Verbot

Geoengineering betrifft also weit mehr Fragen als nur die des Klimawandels und der globalen Anstrengungen, der Klimakrise zu begegnen – und hat am Ende unter den gegebenen Bedingungen der globalen kapitalistischen Ökonomie überhaupt nur noch sehr wenig mit dem Klima zu tun. Es ist vielmehr die Perversion der strukturellen Ursachen der globalen Klimakrise und trägt somit zu ihrer Verschärfung bei. All diese Dimensionen und damit verbundenen tiefgreifenden Risiken fallen aber regelmäßig unter den Tisch, wenn das Thema aus einer reinen Klimaperspektive diskutiert und dabei argumentiert wird, für die Erreichung der Pariser Klimaziele sei Geoengineering »alternativlos«.

Nach den vorerst gescheiterten Verhandlungen in der UN-Umweltversammlung besteht der Bedarf an umfassender und effektiver Regulierung dieser Technologien mit planetaren Auswirkungen unverändert. Denn in Abwesenheit effektiver internationaler Regulierungsmechanismen (über das Moratorium hinaus, das die UN-Konvention über die biologische Vielfalt im Jahr 2010 erlassen hat) wird die Technologieentwicklung vorangetrieben. Und auch wenn die Befürworter argumentieren, im Moment »nur Forschung« zu betreiben: Welche Hochrisikotechnologie wurde jemals entwickelt, um dann aufgrund rationaler Abwägungen ihrer Risiken nicht eingesetzt zu werden?

Geoengineering muss international verboten werden. Das gilt mindestens für Technologien wie SRM, die unmittelbar globale Auswirkungen hätten und einem einmaligen Großexperiment mit dem Planeten gleichkommen. Aber auch CDR ist nur eine Scheinlösung, die zudem im großen Maßstab zusätzlichen Schaden anrichten würde: Weil andere sozial-ökologische Krisen wie die Zerstörung von Ökosystemen und der Verlust von Biodiversität, die globale Entrechtung und Ausbeutung verschärft werden und weil es die notwendige Transformation weg von der fossilen Energienutzung blockiert. Das internationale »Hands Off Mother Earth«-Manifest, das zu zwei Dritteln von zivilgesellschaftlichen Organisation und sozialen Bewegungen aus dem Globalen Süden unterzeichnet wurde, fordert genau das: ein Verbot von Geoengineering und Freilandexperimenten, die dazu dienen, die Technologieentwicklung voranzutreiben und schrittweise zu legitimieren. Es ist ein Aufruf, uns angesichts dieser angeblichen »Technofixes« nicht von dem abzulenken, was eigentlich zu tun ist: radikale Emissionsreduktion in allen Sektoren, insbesondere ein sofortiger Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger, der Schutz und die Regeneration von natürlichen Ökosystemen, allen voran Wäldern, durch die Sicherung und Stärkung der kollektiven Landrechte von indigenen und lokalen Gemeinschaften, die diese Ökosysteme über Jahrhunderte bewirtschaftet und geschützt haben.

Über admin

Hausarzt, i.R., seit 1976 im der Umweltorganisation BUND, seit 1983 in der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW (www.ippnw.de), seit 1995 im Friedenszentrum, seit 2000 in der Dachorganisation Friedensbündnis Braunschweig
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