Warum wir Verantwortung übernehmen müssen

Schuld – eine Frage der Perspektive, (S. 32 f)

Aus dem Seminar von Hannah Arendt sind mir zwei Aussagen besonders in Erinnerung geblieben, die mir spontan einen Ausweg aus meiner Erstarrung und Isolation wiesen:

Die persönliche Schuld, die uns als Mitglied einer Gesellschaft an deren Vergehen trifft, ist im allgemeinen viel kleiner als die Schuld, die uns Außenstehende hinterher zumessen. Unsere persönliche Schuld ist andererseits viel größer als die Schuld, die wir uns selbst eingestehen.

Es war diese Doppel-Aussage, die mir auf einmal die Türe öffnete. Eine Frau, die als Jüdin Schlimmes in Deutschland, das sie einst liebte, erlebt hatte, erzählt von dem, was auch meine eigene Leidensgeschichte in Deutschland war. Ich fühlte mich bestätigt: Ja, so dachte ich, so war es, ich erinnere mich!
Warum musste ich acht Jahre warten, bevor ein Außenstehender mich je nach meinem früheren Lebensweg befragte?

Die erste Aussage Hannah Arendts befreite mich davor, mich selbst ständig als Kriminellen betrachten zu müssen, nur weil ich einem Land, einem Volk angehört habe, das a11 diese Scheußlichkeiten und Verbrechen begangen hatte, von denen ich gar nichts wusste. Ja, wie viel konnte ich denn damals als 15-Jähriger wirklich wissen? Was war meiner Aufmerksamkeit entgangen? Die direkt erlebten und durchlittenen persönlichen Erfahrungen an Leid, Tod und Zerstörung sind doch so viel stärker und schmerzhafter als alles andere Schreckliche, das nur über Hörensagen zu uns dringt!
Und mehr noch: Selbst schreckliche persönliche Erfahrungen verdichten sich doch nur dann genügend zu einem fassbaren Bild, zu etwas tatsächlich Geschehenen und laufen nicht Gefahr, sich in Traumgebilde zu verflüchtigen und verdrängt zu werden, wenn wir die Möglichkeit haben, uns mit anderen darüber intensiv zu verständigen (statt bloß im Geschwätz unsere Erfahrungen auszutauschen). Nur in einem echten Dialog können wir als Gefühl und mit Verstand bei unserem Gegenüber so etwas wie eine  Innere Betroffenheit erzeugen und von ihr selbst erfasst werden, nur in einem gemeinsamen, liebenden Dialog finden sich Antworten auf unsere Sinnfragen. An diesem Dialog hatte es mir in all den Jahren gefehlt. In den Kriegsjahren hieß die Parole »Konzentriere voll auf die dir übertragenen dringenden Aufgaben. Rede nicht so viel: Feind hört mit! << und in
der Atmosphäre von allgemeinem Misstrauen und Angst wurde wahre Kommunikation behindert, verwandelte sich brennender Schmerz in Taubhcit und Verschwiegenheit.

3 »Du musst dich einmischen,   Hannah Ahrend
du musst ein Grenzgänger werden.«
Hannah Arendt (1906-1975),
Deutsch–jüdische Philosophin und
Politikwissenschaftlerin, die nach
ihrer Emigration in den USA über die
Ursprünge des Totalitarismus lehrte,
darunter auch in Berkeley.

So befreiend für mich die erste Aussage war, weil sie mir wieder freies Atmen ermöglichte, so viel wichtiger und folgenschwerer empfand ich jedoch die zweite Aussage: dass uns alle größere Schuld trifft, als wir selbst glauben, Warum? Von unserem längeren Gespräch ist mir – in meiner eigenen Sprache- folgende Begründung in Erinnerung geblieben: Uns trifft größere Schuld, weil wir uns meist nicht frühzeitig und nicht energisch genug gegen dir Anfänge einer sich abzeichnenden Katastrophe zur Wehr setzten! Wir machen uns nicht schuldig, wenn wir uns einer zu Tal donnernden Lawine
nicht entgegenwerfen. denn sie würde ungehindert einfach über uns hinwegrollen. Wir machen uns jedoch dann schuldig, wenn wir jemanden am Betreten eines Lawinenfeldes nicht hindern, obwohl wir dessen Instabilitäten kennen oder davon gehört haben. Aus Bequemlichkeit oder Opportunismus
gehen wir oft achtlos an Vorkommnissen vorbei, die uns Sorge bereiten sollten und müssten. Mit der leichtfertigen Redensart » Wo gehobelt wird, da fallen Späne« versuchen wir, möglichst schlimme und katastrophale Konsequenzen heruntcrzuspielen, lassen wir die Dinge einfach weiterlaufen.

Selbstverständlich ist es meist nicht leicht, zu wissen oder auch nur zu ahnen, ob wir wirklich ein Lawinenfeld vor und haben oder nicht nur eines

der normalen Geröllfelder, die wir schon einige Male vorher – vielleicht mit Mühe, aber ohne große Gefahr und Gefährdung anderer – überquert haben.
Es verlangt von uns erhöhte Aufmerksamkeit und vor allem gesteigerte Umsicht und Vorsorge. Denn im Allgemeinen werden wir nicht zu einer angemessenen Beurteilung der Lage kommen, wenn wir nur das betrachten, was jeweils in unserem Blickfeld auftaucht oder direkt vor unseren Füßen liegt; wir müssen vielmehr bewusst den Blick auf das ganze Umfeld richten und uns ein Verständnis der Gesamtsituation verschaffen, wenn wir die Lage richtig einschätzen wollen. Wir benötigen dazu eine »Rundumorientierung«, und die verschaffen wir uns am besten, wenn wir das Gespräch, die Kommunikation mit anderen suchen, die unser Bild »abrunden«.

Meine Unterhaltungen mit Hannah Arendt haben damals wesentlich dazu beigetragen, mir die Augen für die größeren Zusammenhänge und für gesellschaftspolitische Fragen in ihrer Vielfalt und unterschiedlichen Bewertung zu öffnen. Eine Art Wende in meinem Leben: »Du musst dich einmischen, du musst ein Grenzgänger werden,« forderte Hannah Arendt mich
auf. »Die Leute werden dich dafür nicht mögen, weil sie sagen: Schuster, bleib bei deinen Leisten, aber egal, was macht es: Es ist für dich wichtig – und für die anderen auch.«

Rückblickend frage ich mich noch immer, wie dies geschehen konnte:

Innerhalb von 14 Tagen war aus mir ein anderer geworden, voller Optimismus, unternehmungslustig und tatkräftig in einer erweiterten Form. Ich bin einem Menschen begegnet, einer Jüdin, die vertrieben worden war und Schlimmes erlitten hatte, die aber dennoch fähig war, das Leben und Leiden eines »Gegners« nachzuempfinden und schildern zu können, ihn in zwei Wochen aus seinem Gefängnis zu befreien und ihm zugleich Mut zu machen für einen lebenswerten Neuanfang!

Über admin

Hausarzt, i.R., seit 1976 im der Umweltorganisation BUND, seit 1983 in der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW (www.ippnw.de), seit 1995 im Friedenszentrum, seit 2000 in der Dachorganisation Friedensbündnis Braunschweig
Dieser Beitrag wurde unter Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Warum wir Verantwortung übernehmen müssen

  1. Pingback: Aspekte einer Kultur des Friedens | Streiten für eine Kultur des Friedens

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.