Toleranz im Zeitalter des Empörialismus

VORWORT

Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge. Um sie
zu stoppen, muss man ihnen recht geben, wo sie recht haben,
und sie dort kritisieren, wo sie die Wirklichkeit verzerren. So
löscht man das Feuer, auf dem sie ihr ideologisches Süppchen
kochen.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn wir leben in
einem Zeitalter des» Empörialismus«: Auf der» richtigen Seite«
zu stehen und» aufrichtig ermpört« zu sein zählt oft mehr als die
Fähigkeit, unterschiedliche Sichtweisen unvoreingenommen
gegeneinander abzuwägen. Empörialisten haben den öffentli-
chen Raum so sehr mit moralischen Killerphrasen besetzt, dass
eine rationale Debatte kaum mehr möglich erscheint. »Stim-
mung statt Argumente!« heißt die Devise, deren Folgen man in
den sozialen Netzwerken beobachten kann. Wer auf die Gefah-
ren des politischen Islam hinweist, wird im Handumdrehen als
»Rassist« abgestempelt; wer aufzeigt, dass nicht alle Muslime
vom Dschihad träumen, als »unverbesserlicher Gutmensch «
vorgeführt.

Polarisierung ist »in«, Und so sehen wir uns zunehmend mit
»Alternativen« konfrontiert, die allenfalls die Wahl zwischen
Pest und Cholera erlauben: »Rettung des christlichen Abend-
landes« oder »Islamisierung Europas«, »Respekt für jeden«
oder »Abdriften in einen neuen Faschismus«, »Militärische
Absicherung der Grenzen« oder »Ertrinken in der Flüchtlings-
schwemme«, »Gläserner Mensch« oder »Steigende Terror-
gefahr«! Der Philosoph Hans Albert hat das Anbieten solcher scheinbar auswegloser Szenarien schon vor 50 Jahren als »Alternativ-Radikalismus« kritisiert. Seine Analyse ist erschreckend aktuell geblieben. I

Zugegeben: Nicht jeder folgt dem Trend zur Polarisierung. Viele versuchen, dem Radikalismus zu entgehen, indem sie
»die Wahrheit in der Mitte suchen«. Das klingt einigerma-
ßen abgeklärt, ist aber nicht unbedingt aufgeklärt. Denn die
Wahrheit folgt keinen geometrischen Vorgaben.
Hier irrt sich
der »Extremismus der Mitte«. Er übersieht, dass die Wahrheit
sehr wohl auch an den Rändern der Gesellschaft angesiedelt
sein kann und es – historisch betrachtet – in vielen Fällen auch
war.

Schon ein kurzer Blick in die Geschichte verrät, dass sich
Mehrheiten ebenso irren können wie Minderheiten. So wähn-
ten sich die Menschen vor 500 Jahren mehrheitlich noch im
Mittelpunkt des Universums (viele tun dies heute noch!) und
ächteten jeden, der – wie Giordano Bruno- – das Gegenteil be-
hauptete. Noch vor 100 Jahren glaubten sie, ihre Kinder aus-
gerechnet dadurch fördern zu können, dass sie sie ordentlich
züchtigten. Die Tatsache, dass eine Überzeugung von 90 Pro-
zent der Gesellschaftsmitglieder geteilt wird, sagt nichts da-
rüber aus, ob sie in irgendeiner Weise vernünftig ist.

An dieser Stelle zeigt sich, worin die besondere Stärke der
modernen, offenen Gesellschaft besteht. Denn sie schützt Min-
derheitenpositionen nicht nur, weil die Meinungsfreiheit ein
hohes rechtsstaatliches Gut darstellt, sondern auch, weil der
freundlich-feindliche Widerstreit der Positionen wesentlicher
Motor des gesellschaftlichen Fortschritts ist. Der Slogan» Viel-
falt statt Einfalt« findet hier seine Berechtigung, denn es ist
wahr: Nur weil wir unterschiedlich sind, können wir voneinan-
der lernen.
Wären wir stets einer Meinung, hätten wir uns nicht
viel zu sagen. Wir hätten kein Gegenüber, das uns korrigieren
könnte, sondern würden uns wechselseitig in unseren Vorur-
teilen bestärken, was die gesellschaftliche Entwicklung zum
Erliegen brächte.

Die geschichtliche Erfahrung zeigt, dass Gesellschaften, die
jede Abweichung von der Norm bestrafen, zu kulturellem Stillstand verdammt sind. Zumindest ein Teil der Menschheit hat
daraus eine Lehre gezogen. Und so begreifen moderne Gesell-
schaften den Widerstreit der Meinungen nicht mehr vorrangig
als unerwünschten Störfaktor, sondern als Nährboden für zivi-
lisatorischen Fortschritt. Dies drückt sich auch in dem schö-
nen Begriff »Streitkultur« aus, der anzeigt, worum es in der
Moderne wesentlich geht, nämlich um eine Kultur des Strei
tens. Tatsächlich zeichnen sich moderne Gesellschaften da-
durch aus, dass sie die Auseinandersetzung um das »Wahre,
Schöne, Gute« nicht nur erlauben, sondern aktiv fördern. Aller-
dings sollten sie dies nicht ungeregelt tun, sondern unter klar
definierten kulturellen Vorgaben, die man als Spielregeln des
zivilisierten Widerstreits
bezeichnen könnte.

Wir werden diese Spielregeln im Verlauf des Textes noch
unter die Lupe nehmen.t doch es sollte schon hier – ohne wei-
tere Erörterungen – einsichtig sein, dass den Beteiligten am
gesellschaftlichen Debattenspiel vor allem eines abverlangt
wird: ein erhebliches Maß an Toleranz. Der Grund dafür liegt
auf der Hand: Wer es partout nicht ertragen kann, dass andere
Menschen Auffassungen vertreten, die von den eigenen Über-
zeugungen empfindlich abweichen, wird sich in einer offenen
Gesellschaft nicht zurechtfinden können.

Dennoch ist Toleranz kein Wert an sich. Zwar mag eine tole-
rante Haltung in vielen Fällen gerechtfertigt sein, aber sie ist es
keineswegs immer und überall. So wäre jede Form von Tole-
ranz unangebracht, wenn wir mit systematischen Verletzungen
der Menschenrechte konfrontiert sind. Wer Derartiges prob-
lemlos erdulden kann, beweist keine aufgeklärte, tolerante Hal-
tung, sondern begeht Verrat an den Idealen der Aufklärung, die
die Prinzipien der Toleranz hervorgebracht haben.

Von allgemeinen Aufrufen zu mehr Toleranz und Respekt,
wie sie von Politikern in unschöner Regelmäßigkeit vorge-
bracht werden, sollte man daher Abstand nehmen. Schließlich
hat vieles, was in der Welt geschieht, was Menschen denken
oder wie sie handeln, keinerlei Respekt verdient! Manches
davon bedroht die offene Gesellschaft sogar in solch fundamentaler Weise, dass sich jede Form der Nachgiebigkeit von selbst verbietet.

Wir dürfen den Feinden der offenen Gesellschaft ganz gewiss
nicht die Freiheit geben, die Fundamente der Freiheit zu unter-
graben. Deshalb müssen wir aufhören, Toleranz und Respekt
nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen. Es ist nämlich alles
andere als gleichgültig, wem wir Toleranz oder Respekt erwei-
sen. Gleichgültig wäre es nur, wenn alle Traditionen, Ideologien,
Lebensformen gleichermaßen gültig wären. Doch dies ist, wie
ich zeigen werde, keineswegs der Fall.

Es ist eines der Grundübel unserer Zeit, dass ein Großteil der
Menschen entweder nicht willens oder nicht fähig ist, zwischen
Humanem und Inhumanem, Recht und Unrecht, Wahrheit
und Propaganda, Vernünftigem und Widersinnigem zu unter-
scheiden. Insofern besteht das zentrale Problem, mit dem wir
zu kämpfen haben, nicht in einem Mangel an Toleranz, sondern
in einem Übermaß an Ignoranz.

Ignoranz begegnet uns heute in unterschiedlichsten Erschei-
nungsformen: Mal als egozentrischer Tunnelblick, der alle Prob-
leme jenseits der eigenen kurzfristigen Interessen ausblendet.
Mal als postmoderner Gleich-Gültigkeits- Wahn, der schon den
schüchternsten Versuch einer rationalen Unterscheidung als
unerträgliche Anmaßung zurückweist. Mal als opportunistische
Rückgratlosigkeit
, die die Konsequenzen des eigenen Handels
falsch einschätzt, weil sie davon ausgeht, dass sich alle Prob-
leme von selbst auflösen werden, wenn man nur nett und artig
genug auftritt. Und nicht zuletzt auch als empörialistischer Her-
dentrieb
, der jedes noch so vernünftige Argument attackiert,
sofern es von der »falschen Seite« geäußert wird.

All diese Formen der Ignoranz verhindern, dass wir zur rich-
tigen Zeit am richtigen Ort klare Kante zeigen. Sie unterlau-
fen jede sinnvolle Strategie, die offene Gesellschaft gegen ihre
Feinde zu verteidigen. Und sie stärken all jene Kräfte, die sich
zum Ziel gesetzt haben, das Rad der Geschichte um Jahrzehnte,
wenn nicht sogar um Jahrhunderte zurückzudrehen.

Wir werden in den nachfolgenden Kapiteln untersuchen, wie es                   zu diesen Formen der Ignoranz gekommen ist und welche
Maßstäbe wir anlegen sollten, um wohlbegründet zwischen
wahrer und falscher Toleranz bzw. zwischen wahrem und fal-
schem Respekt zu unterscheiden. Dabei wird sich zeigen, dass
wir die Grenzen der Toleranz nur dann vernünftig ziehen kön-
nen, wenn wir uns der Werte bewusst sind, die der offenen Gesellschaft zugrunde liegen.

Eine effektive Verteidigung der Freiheit kann, wie ich darle-
gen werde, nur gelingen, wenn wir uns dazu durchringen, das
Profil des säkularen Rechtsstaats zu stärken. Töricht wäre es hin-
gegen, würden wir die kulturellen Schotten dicht machen und
aus Angst vor Terror und fundamentalistischer Unterwan-
derung all die zivilisatorischen Errungenschaften aufgeben,
die es eigentlich zu verteidigen gilt. Deshalb werde ich in die-
sem Buch dafür plädieren, die offene Gesellschaft zu schützen,
Indem wir ihre Kernelemente sehr viel deutlicher betonen, als
eS bislang geschehen ist. Herauskommen wird dabei unter
anderem ein Konzept, das sich am treffendsten wohl auf die
paradox anmutende Formel »Abschreckung durch Freiheit«
bringen lässt.

Leserinnen und Leser meiner vorangegangenen Bücher werden feststellen, dass in dieser Streitschrift hin und wieder Argumente auftauchen, die ich schon früher vorgetragen habe. Das unvermeidlich, da in meinen Veröffentlichungen zum evolu
tlonären Humanismus mitunter Themen angerissen wurden,
die mit der Frage nach den Grenzen der Toleranz eng verknüpft
sind. Ich bin jedoch überzeugt, dass der Fokus dieses Buches
vieles in neue m Licht erscheinen lässt. Darüber hinaus ist es
sicher auch nicht verkehrt, Argumente in Erinnerung zu rufen,
dle zwar alt, aber nicht veraltet sind. Seit über 20 Jahren warne ich nun schon davor, dass das 21. Jahrhundert zu einem» Jahr-
hundert der globalen Religionskriege« werden könnte, wenn
wir nicht sehr viel entschiedener für die Prinzipien der offenen
Gesellschaft eintreten. Doch wie heißt es so schön? Manches
sollte man so lange wiederholen, bis es verstanden wird.

Über admin

Hausarzt, i.R., seit 1976 im der Umweltorganisation BUND, seit 1983 in der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW (www.ippnw.de), seit 1995 im Friedenszentrum, seit 2000 in der Dachorganisation Friedensbündnis Braunschweig
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2 Kommentare zu Toleranz im Zeitalter des Empörialismus

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