Zeit der Verleumder

Am Samstag, 10.2. fand die sehr erfolgreiche Konferenz:

Ein erstes Video: Das Grußwort von Esther Bejaranohttp://www.youtube.com/watch?v=jTbhyPkyKJg

»Zur Zeit der Verleumder«, eine ideologiekritische Intervention gegen die Instrumentalisierung von Juden, Judentum und der jüdischen Katastrophe statt.

Alle dort gehaltenen Vorträge – von Moshe Zuckermann, Rolf Becker, Esther Bejarano, Moshé Machover, Jackie Walker u.a. werden bald als Video verfügbar sein.

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Informationen:
http://projektkritischeaufklaerung.de/de/konferenz-in-berlin-am-10-februar-2018/

Zeitungsberichte:

– Montag, 12. Februar 2018, Nr. 36

Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 4 / Inland

Tribunal gegen Verleumder

In Berlin fand eine Konferenz über diffamierende Antisemitismusvorwürfe statt

Von Stefan Huth

Junge Welt

https://www.jungewelt.de/artikel/327084.tribunal-gegen-verleumder.html

Neoliberale Offensive: Protest der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Berlin-Mitte (6.3.2017)

Foto: Florian Boillot

Wegen befürchteter Provokationen fanden die Vorbereitungen unter gleichsam klandestinen Bedingungen statt, wurde der Veranstaltungsort erst wenige Tage vor Beginn bekanntgegeben. Dennoch war die nach einem Gedicht von Erich Fried »Zur Zeit der Verleumder« übertitelte Konferenz, die am Samstag mit rund 230 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im »Tiyatrom«, einem türkischen Schauspielhaus in Berlin-Kreuzberg, stattfand (siehe jW vom 7.2.), bereits seit etlichen Wochen »überbucht«. Die Journalistin Susann Witt-Stahl, die die Tagung im Namen des Veranstalters Projekt Kritische Aufklärung (PKA) eröffnete, wies darauf hin, dass mehr als die doppelte Menge an Karten hätte verkauft werden können. Am Einlass herrschte Geschiebe und Gedränge, viele Interessierte mussten abgewiesen werden. Keine Frage also: Das Bedürfnis, sich mit dem Konferenzthema »Instrumentalisierung von Juden, Judentum und der jüdischen Katastrophe«, der Shoah, auseinanderzusetzen, ist groß.

Unmittelbaren Anstoß für die Veranstaltung gab ein Vorfall im ­Juni vergangenen Jahres: Im Rahmen »antideutscher« Proteste gegen eine Konferenz des Koordinationskreises Palästina-Israel (Kopi) in Frankfurt am Main war vor allem ein Referent, der in Tel Aviv lehrende Historiker und Soziologe Moshe Zuckermann, zum Ziel heftiger Attacken geworden (jW berichtete). Jutta Ditfurth verstieg sich im Rahmen dieser Auseinandersetzung sogar zu der Aussage, der als Kind von Holocaustüberlebenden in Israel geborene Zuckermann habe »sich den antizionistischen Antisemit*innen angeschlossen«. Gemeinsam mit CDU-Bürgermeister Peter Becker und Aktivisten aus dem antinationalen Spektrum machte die Publizistin und Kommunalpolitikerin gegen die Kopi-Veranstaltung mobil – ein, wie die PKA-Konferenz zeigte, charakteristischer Fall von Bündnispolitik, wenn es gegen israelkritische Juden geht. Witt-Stahl, die Zuckermann als »Ehrengast und Hauptredner« begrüßte, unterstrich, dass »wir in einer Hochzeit der Verleumder« lebten, Zeugen eines »Triumphmarschs der Quälgeister durch die deutschen Institutionen« seien. Angriffe deutscher Staatsbürger gegen unliebsame Juden seien »gefährlich an der Grenze zur Schuldumkehr« und dienten vor allem einem politischen Zweck: der Legitimierung der neoliberalen Offensive und mit ihr einhergehender imperialistischer Kriege. Die PKA-Konferenz stehe für eine »notwendige Intervention« auf marxistischer Basis: »Es ist höchste Zeit anzugreifen.«

In seinem Vortrag stellte Moshe ­Zuckermann die »Grundfrage« im Nahostkonflikt, die nach den Machtverhältnissen. Wenn keine Klarheit darüber bestehe, wer hier »Herr, wer Knecht« sei, könnten auch keine ideologischen Kämpfe geführt werden. Im Kern gehe es um einen Territorialkonflikt, der Israel in eine Sackgasse geführt habe. Durch den fortgesetzten Landraub in den besetzten Gebieten seien alle Optionen auf eine Zweistaatenlösung »radikal verbaut«. Jeder ernsthafte Versuch der Regierung, das Siedlerkollektiv zurückzudrängen, würde unweigerlich in einen Bürgerkrieg münden. Zugleich entwickle sich unter den Bedingungen der Besatzung faktisch ein Apartheidregime mit Zügen eines »Alltagsfaschismus«, der auf eine systematische Entrechtung nicht nur der Palästinenser hinauslaufe, wie die geplante Massenabschiebung afrikanischer Flüchtlinge zeige. Zuckermanns bitteres Fazit der politischen Entwicklung seit der Staatsgründung 1948: »In keinem Land ist jüdische Kollektivität derart bedroht wie in Israel.« Der Zionismus habe den Frieden nie gewollt, letztlich nicht einmal daran geglaubt, dass »er historisch nachhaltig« sei. Mit Blick auf das Thema Antisemitismus erkennt Zuckermann eine »Obsession« der Antideutschen, ein »Ressentiment«, das sich nun an den Palästinensern und den islamischen Fremden als Ersatzobjekten austobe. So gesehen liege es nahe, dass sich Antideutsche mit Akteuren der äußersten Rechten verbünden, nicht unähnlich dem Mossad-Veteranen Rafi Eitan, der jüngst lobende Worte für die AfD fand.

Der aus Israel angereiste Soziologe und politische Aktivist Avishai Ehrlich, Mitgründer der sozialistischen Organisation Mazpen, wies auf die wachsende Bedeutung der Evangelikalen hin, der »weltweit am schnellsten wachsenden religiösen Bewegung«. Deren Angehörige hätten engste Verbindungen zur Trump-Regierung (auch Vizepräsident Mike Pence zählt sich dieser Richtung zu). Sie sähen in den Juden »Kinder Gottes«, die als einzige die Apokalypse überlebten. Evangelikale pilgerten jährlich zu Hunderttausenden nach Jerusalem und erwiesen sich als loyalste Unterstützer der israelischen Regierung. Ihr Einfluss sei inzwischen größer als der der proisraelischen Lobbyorganisation AIPAC. Auch Ehrlich beleuchtete Kontakte der israelischen Regierung zu europäischen Rechtsaußenpolitikern wie Heinz-Christian Strache oder Geert Wilders, die diesen letztlich Legitimität verschafften und sie salonfähig machten: »Israel verkauft Ablässe wie früher die Kirche.«Der aus Chicago per Skype zugeschaltete Herausgeber des Onlinemagazins Electronic Intifada Ali Abunimah wies bezüglich der gegenwärtigen US-Regierung auf eine ähnliche, auf den ersten Blick paradox scheinende Verbindung hin: Sie sei die am offensten antisemitische und zugleich prozionistischste Administration in der jüngeren Geschichte. Vor dem Hintergrund der Antisemitismusresolution des Bundestags problematisierte Abunimah die Identifikation Israels mit »den Juden« und wies auf das zweifelhafte Rechtsverständnis hin, das ihr zugrunde liege und das darauf hinauslaufe, universell geltende Rechte zu suspendieren, wenn es um völkerrechtswidrige Maßnahmen Israels gehe. Er sprach sich für die BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) gegen Israel aus, die auf ethischen Prinzipien basiere und nicht ethnisch-religiös ausgerichtet sei. Die Kritik daran wies Abunimah mit Hinweis auf die ansonsten kaum vorhandenen Widerstandsmöglichkeiten der Palästinenser zurück: Bewaffneter Widerstand sei ihnen ohnehin verboten, politische Verhandlungen hätten sich über die Jahrzehnte als sinn- und ergebnislos erwiesen – ständig werde ihnen vorgehalten: »Ihr habt kein Recht auf Widerstand, nicht einmal auf gewaltfreien. Ergebt euch einfach.«

Rolf Becker, Schauspieler und Verdi-Mitglied, beklagte, dass der Nahostkonflikt im gewerkschaftlichen Bereich kaum eine Rolle spiele. Er erklärte das u. a. mit der traditionellen Bindung der Gewerkschaftsführung an die SPD, die mit einer Unterwerfung unter die Staatsräson einhergehe. ­Becker unterstrich, dass Israel nicht von der allgemeinen Gesetzgebung ausgenommen werden dürfe, wie es etwa die derzeitige israelische Justizministerin postuliere. Becker zitierte Ken Loach und dessen Credo: »Entweder stehst du auf der Seite der Unterdrückten oder der der Unterdrücker.« Der britische Filmemacher wandte sich mit einer eigenen Grußadresse an die Konferenzteilnehmer. Darin heißt es: »Unsere Forderung muss sein, dass Israel für seinen Bruch des Völkerrechts und der Genfer Konvention zur Verantwortung gezogen wird. Und wir müssen auf dem unveräußerlichen Recht der Palästinenser bestehen, in ihrem eigenen Land in Frieden und Sicherheit zu leben.«

Einen Videomitschnitt dieser überaus ertragreichen, rund zwölfstündigen Veranstaltung mit zahlreichen weiteren Beiträgen wollen die Organisatoren demnächst verfügbar machen. Die Tagung endete mit einer Diskussion über Möglichkeiten der Opposition »wider den Zeitgeist der Verleumder«. Die Debatte darüber, was da konkret zu tun sei, hat mit dieser »ideologiekritischen Intervention«, wie es im Untertitel heißt, zweifellos neue Konturen gewonnen.

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Neues Deutschland

Zeit der Verleumder

Der Antisemitismusvorwurf wird auch als Waffe gegen Linke genutzt, meint Uwe Kalbe

  • Von Uwe Kalbe

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1078911.antisemitismus-und-linke-zeit-der-verleumder.html

Palästinensischer Jugendlicher in der West Bank: antisemitische Attacke oder ohnmächtiger Wutausbruch?

Foto: dpa/EPA/Alaa Badarneh

Ein zunehmendes Unbehagen bemächtigt sich vieler Linker. Sie sehen sich in eine politische Ecke gestellt, der sie sich nicht zugehörig fühlen, eines Vergehens beschuldigt, das sie nicht begangen haben: des Antisemitismus. Oder doch wenigstens seiner sträflichen Unterschätzung. In besonderer Weise werden Menschen mit dem Vorwurf konfrontiert, deren Antrieb ausgerechnet die Menschenrechte sind, politisch Aktive, die sich dem Kampf gegen Ungerechtigkeit verschrieben haben, nämlich dem Kampf um die Rechte der Palästinenser. Und geradezu perfide, auch Juden selbst werden dessen bezichtigt, sobald sie grundsätzliche Kritik an Israel äußern. Die Anschuldigung macht nicht einmal vor Überlebenden des Holocaust halt.

Die Tatsache, dass Antisemitismus real ist und dass er zunimmt, das macht die Debatten unübersichtlich, vor allem aber erschwert der undifferenzierte Vorwurf die Identifizierung der wirklichen Gefahren. Und die bestehen klar und eindeutig im Vormarsch der Rechten, der im Antisemitismus seinen Ausdruck ebenso findet wie im Versuch einer Delegitimierung von Teilen der Linken durch den inflationären Vorwurf des Antisemitismus. Diesem Problem widmet sich am Wochenende eine Konferenz in Berlin. Vor allem linke jüdische Intellektuelle werden auftreten, die Teil eines »Projekts Kritische Aufklärung« sind oder seiner Einladung folgen. Auftritte unter anderem des Wissenschaftlers Moshe Zuckermann, des Schauspielers Rolf Becker, der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano, von Publizisten, Aktivisten und Künstlern wie Moshé Machover und Jackie Walker werden erwartet.

Linke würden mittlerweile als Nazis und jüdische Antifaschisten als Verräter diffamiert, heißt es in der Ankündigung der Konferenz. Ihr Titel »Zur Zeit der Verleumder« nimmt Bezug auf den österreichischen Dichter Erich Fried, der schon zu Beginn der 80er Jahre die Stigmatisierung jüdischer Linker als »rote Antisemiten« beklagte und die Verbrechen an den Palästinensern anprangerte. »Was damals mit wütenden Polemiken begann, ist heute zu einem Komplex aus Rufmordkampagnen und Sanktionen ausgewachsen, die aus den etablierten Parteien und AfD, von neokonservativen ‘Antideutschen’, ‘Antinationalen’ und christlichen Fundamentalisten initiiert und von den hegemonialen Medien propagiert werden«, schreiben die Veranstalter in der Ankündigung ihrer Konferenz.

Mit dem inflationären Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs werden bewusst Grenzen verwischt. Dies ist durchaus im Sinne der Rechten. Deshalb ist es kein Widerspruch, dass die AfD vor drei Wochen im Bundestag einer Resolution gegen Antisemitismus zustimmte. Zwar argumentieren die Gralshüter einer angeblichen Political Correctness, natürlich sei es legitim, die Regierungspolitik Israels zu kritisieren, nicht aber den Staat Israel als solches. In seiner Resolution verurteilt der Bundestag als Antisemitismus jedoch auch »vermeintliche Kritik an der Politik des Staates Israel«, die aber »tatsächlich Ausdruck des Hasses auf jüdische Menschen« sei. Das öffnet der Willkür Tür und Tor. Die Linksfraktion enthielt sich bei der Abstimmung

Antisemitismus sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen, heißt es in der Resolution, auch wenn er besonders häufig rechts erscheine. Seit Jahren wird die Öffentlichkeit Zeuge allerdings von Vorwürfen auch gegen Linke. Menschen sehen sich regelmäßig dem Antisemitismusvorwurf ausgesetzt, wenn sie sich aktiv in die politische Debatte einmischen und dabei Israel kritisieren. Oder wenn sie in ihren wissenschaftlichen Untersuchungen zu Ergebnissen kommen, die nicht als Rechtfertigung Israels oder der Politik des Westens taugen. Das zeigt sich in Kampagnen gegen Lehrer, in erzwungenen Rücktritten einer Hochschuldekanin in Niedersachsen, der Entlassung von Lehrkräften, der Aberkennung von Lehraufträgen, in verhinderten Preisverleihungen und Ausstellungen. Veranstaltungen, die sich dem Thema Palästina widmen, werden zuerst auf ihren antisemitischen Inhalt abgeklopft, Teilnehmerlisten nach den Namen verdächtiger Personen durchsucht. Organisatoren erhalten Absagen bereits gemieteter Räumlichkeiten.

Für Indigene, Vertriebene, Hungernde, in Flüchtlingslagern in jedem anderen Teil der Welt vegetierende Menschen sind Fürsprache und Engagement en vogue, auch radikale Forderungen sind Ausweis einer lauteren Gesinnung. Für die Rechte der Palästinenser einzutreten, wird jedoch automatisch mit dem Verdacht belegt, nur einen Schritt vor der Relativierung des Holocaust zu stehen, es eigentlich auf das Existenzrecht der Juden abgesehen zu haben. Menschenrechtsvergehen Israels werden nur unter gleichzeitigem Hinweis auf die demokratiefeindlichen politischen Organisationen der Palästinenser zugestanden und damit relativiert. Doch weil die Kräfte im Nahen Osten nicht ausgeglichen sind, Machtmittel und Rechtsverletzungen sich nicht die Waage halten, sondern das Volk der Palästinenser als Ganzes seit Jahrzehnten himmelschreiendem Unrecht ausgesetzt ist, ist die Forderung nach Äquidistanz eine klare olitische Parteinahme – für Israel.

Dass kritische Juden mit dem Vorwurf des Antisemitismus schwerlich zu treffen sind, bringt die Ankläger in die Bredouille. Sie machen gleichwohl nicht halt davor und diffamieren linke jüdische Intellektuelle als »selbsthassende« oder »Alibi-Juden«. Dass dies einen tatsächlich antisemitischen Unterton hat, stört sie nicht. Immerhin erleichtert es etwas die Orientierung: Dass offenbar nur jüdische Linke »Nestbeschmutzer« sein können, nicht Rechte, zeigt, dass auch der Angriff hier von rechts kommt, selbst wenn er von Leuten geäußert wird, die sich als Linke bezeichnen. Die menschenrechtsfeindliche Politik Israels zu kritisieren, die eine Politik der Expansion, des Rassismus, der Menschenrechtsverachtung wie übrigens auch der Flüchtlingsabwehr ist, so wie in anderen Teilen der westlichen Welt – das ist die eigentliche »Verfehlung«, die den Kritisierten angelastet wird. Diese Kritik ist als »antisemitisch« so leicht zu diskreditieren wie in keinem Fall sonst.

Zeit der Verleumder

Zeit für Analyse und Widerstand. Gespräch mit dem Philosophen Moshe Zuckermann.

https://www.rubikon.news/artikel/zeit-der-verleumder

— Viele Grüße Gabi Gabi Bieberstein _____________________________________________________

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Über admin

Hausarzt, i.R., seit 1976 im der Umweltorganisation BUND, seit 1983 in der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW (www.ippnw.de), seit 1995 im Friedenszentrum, seit 2000 in der Dachorganisation Friedensbündnis Braunschweig
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