Erdogans Krieg gegen die Kurden

und die Komplizenschaft der EU

             Foto: Bild aus Cizre

In den Trümmern von Cizre                                                                   Sigrid Ebritsch

Delegationsreise vom 13. Bis 25. März 2016

verschiedene Details:

Editorial:

Trotz aller Sicherheitsbedenken hat sich auch in diesem Jahr eine Gruppe von acht Personen als Delegation der IPPNW auf den Weg in den Südosten der Türkei gemacht.

Erstmals mit dabei war Clemens Ronnefeldt, friedenspolitischer Referent des Versöhnungsbundes.

Über Ankara landeten wir auf dem neuen modernen Flughafen der Kurdenhauptstadt Diyarbakir.

Im folgenden Bericht dokumentieren wir den Inhalt der Gespräche, die wir mit VertreterInnen von Parteien und zivilen Organisationen geführt haben, und die bedrückenden Erfahrungen, die wir gesammelt haben.

Die Reise stand ganz im Zeichen des Krieges, der hier mit vorher nicht vorstellbarer Grausamkeit gegen die kurdische Bevölkerung geführt wird. Über soziale Medien erreichen uns auch in Deutschland Bilder und Berichte über die Zerstörungen in kurdischen Städten, es gibt sogar ein paar gute Fernsehdokumentationen. Trotzdem ist hier über den Bürgerkrieg zwischen Kurden und Türken wenig bekannt. Die PKK gilt den meisten als Terrororganisation und ihre Bekämpfung wird im Rahmen des internationalen Krieges gegen den Terror für richtig und notwendig gehalten. Leider ist zu befürchten, dass sich bei der PKK und ihren kurdischen Unterstützern die Hardliner durchsetzen und sie so spätestens mit Beginn des Frühlings ihrem Ruf gerecht werden. Mehrere unserer GesprächspartnerInnen kritisieren, dass die jugendlichen Barrikadenbauer mit ihrem bewaffneten Widerstand dem Präsidenten erst den Vorwand für seinen Angriff auf die Zivilbevölkerung in den Städten geliefert hätten. Die dabei ausgeübte Gewalt durch Spezialeinheiten, Polizei und Militär ist allerdings völlig unverhältnismäßig. Gegen etwa 200 bewaffnete Aufständische stehen 15 000 bis 20 000 Soldaten. Mit schwerer Artillerie beschießen sie die betroffenen Stadtviertel und zerstören anschließend Haus für Haus. Fassungslos standen wir in den Trümmern von Cizre, in denen Menschen mit versteinerten Gesichtern nach den spärlichen Resten ihrer Habe suchten. Am Tag unserer Abreise erfuhren wir durch die Medien, dass in der zerstörten Altstadt Sur von Diyarbakir 6000 Parzellen von der Regierung beschlagnahmt wurden. Präsident Erdogan und Ministerpräsident Davutoglu haben angekündigt, die kurdischen Städte nach der „Säuberung“ schnell und modern wieder aufzubauen. Uns schaudert bei dem Gedanken an die neuen Hochhausviertel am Rande der Städte Mardin und Diyarbakir, die mit kurdischer Tradition und Lebensweise so gar nicht vereinbar sind. Die kurdischen Bürger haben Angst, dass in ihren Städten vermehrt sunnitische, arabische Flüchtlinge aus Syrien angesiedelt und so eine demografische Verschiebung zugunsten der Regierungspartei AKP erreicht werden soll.

Viele Kurden sehen sich in einem Vernichtungskrieg. Etwa 400 000 Menschen haben schon ihre Wohnungen verlassen oder verloren. Viele wollen nur noch weg aus der Region, da sie keine Hoffnung auf ein Leben in Frieden mehr haben. Hier könnte sich eine neue Fluchtwelle nach Europa ankündigen. Europas Politiker verschließen die Augen vor dem Krieg, der hier stattfindet. Ihre Komplizenschaft mit dem „Psychopathen von Ankara“, wie eine Gesprächspartnerin den Präsidenten nennt, wird von den Menschen mit Bitterkeit kommentiert. Insbesondere die Wahlhilfe für Erdogan durch den Besuch von Frau Merkel im Wahlkampf stößt auf heftige Kritik.

Die meisten Menschen, die wir treffen, sind überzeugt, dass Erdogan sie und die ganze Türkei ins Verderben führen wird. Er habe sich alle Nachbarn zu Feinden gemacht, er habe das Präsidialsystem, das er politisch nicht durchsetzen konnte, einfach eingeführt und schere sich den Teufel um bestehende Gesetze.“ Erdogan ist das Gesetz und die AKP ist der Staat“.

Die Polarisierung der Gesellschaft ist so weit fortgeschritten, dass niemand einen Ausweg erkennen kann. Selbst ein erfahrener Politiker wie Ahmet Türk, der schon viele Höhen und noch mehr Tiefen erlebt hat, wirkt ratlos und verzweifelt. Ohne den auf der Gefängnisinsel Imrale isolierten Abdullah Öcalan und ohne eine Vermittlung durch eine integre Person oder Gruppe von außen, die sowohl das Vertrauen der Menschen in der Türkei als auch der USA und Europas genießt, sieht er sein Land in Blut und Chaos versinken.

Dr. Gisela Penteker

TeilnehmerInnen:

Johanna Adickes, Mehmet Bayval, Dr. Christa Blum, Sigrid Ebritsch, Margit Iffert, Dr. Gisela Penteker, Clemens Ronnefeldt, Dr. Elke Schrage

Stationen der Reise:

Ankara, Diyarbakir, Cizre, Mardin, Viransehir

Über admin

Hausarzt, i.R., seit 1976 im der Umweltorganisation BUND, seit 1983 in der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW (www.ippnw.de), seit 1995 im Friedenszentrum, seit 2000 in der Dachorganisation Friedensbündnis Braunschweig
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2 Antworten zu Erdogans Krieg gegen die Kurden

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